Nach elf Monaten, etwas mehr als 11.000 Kilometern und 21 durchquerten Ländern sind wir wieder zurück in Deutschland. Von Kiew ging alles sehr schnell: Mit dem Zug nach Wien, von dort radelten wir ins Salzkammergut, wo wir uns zum Abschluss unserer Radreise mit meiner Familie zum Wandern verabredet hatten. Danach fuhren wir schließlich zurück nach Deutschland. Tja und nun sind wir also wieder hier. Dieser letzte Blogbeitrag hat lange auf sich warten lassen, weil der Alltag fast etwas zu schnell wieder über uns hereingebrochen ist. Beziehungsweise das deutsche Leben. Von normalem Alltag kann noch keine Rede sein. Aber wir haben eine Wohnung, wir schreiben Bewerbungen, wir arbeiten, wir treffen Freunde und Familie. Was man halt so macht. Was wir allerdings ein Jahr lang nicht gemacht hatten.
Als wir in Wien aus dem Zug stiegen, gab es für einen kurzen Moment dieses Gefühl der absoluten Überforderung und Verlorenheit. „Wien Hauptbahnhof“, verkündete ein vertraut aussehendes Schild, die Gesprächsfetzen von Passanten, die an uns vorbeizogen, konnten wir einfach so verstehen. Alle schienen nur von merkwürdigen Dingen zu sprechen, die mit ihren sehr wichtigen Jobs zu tun hatten. „Was nun?“, fragten wir uns. Draußen regnete es. Aus Verzweiflung stolperte ich in die erste DM-Filiale hinein, sprach auf DEUTSCH mit der Kassiererin und kaufte so fancy Produkte wie gepufften Amaranth und veganen Gemüse-Aufstrich. Willkommen zurück im Paradies! Aber irgendwie fühlten wir uns nicht mehr als Teil dieses Paradieses. Kann man da wieder hineinwachsen, in so ein deutsches Leben? Mittlerweile wissen wir: Ja man kann, das geht sogar viel schneller als gedacht. Aber in diesem kurzen Moment auf dem Wiener Hauptbahnhof, da erschien das alles nur weit weit weg. Ich musste immer wieder an den letzten Satz aus Joseph Roths Roman „Die Flucht ohne Ende“ denken, mit dem ich mich in diesem Moment sehr gut identifizieren konnte:
„Es war am 27. August 1926, um vier Uhr nachmittags, die Läden waren voll, in den Warenhäusern drängten sich die Frauen, in den Modesalons drehten sich die Mannequins, in den Konditoreien plauderten die Nichtstuer, in den Fabriken sausten die Räder, an den Ufern der Seine lausten sich die Bettler, im Bois de Boulogne küßten sich die Liebespaare, in den Gärten fuhren die Kinder Karussell. Es war um diese Stunde, da stand mein Freund Tunda, zweiunddreißig Jahre alt, gesund und frisch, ein junger starker Mann von allerhand Talenten, auf dem Platz vor der Madeleine, inmitten der Hauptstadt der Welt und wußte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt.“
Dieses Gefühl ist zum Glück schnell verflogen. Zu groß war dann auch die Vorfreude auf lange vermisste Dinge, vieles davon ziemlich banal. Ein eigenes Bett, eine Dusche, eine Toilette. Eine Küche, in der man alles kochen und backen kann, worauf man Lust hat. Und natürlich das Wiedersehen mit den Familien und Freunden. Nun erscheint die Reise manchmal schon wieder so weit weg, dass wir uns fragen: Waren wir wirklich in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens gestanden? Waren wir das, die diese unglaubliche Reise unternommen haben?
Was die Reise auf jeden Fall mit sich gebracht hat, ist das Vertrauen darauf, dass am Ende alles gut wird. Egal was uns passiert ist, es gab immer eine Lösung, eine helfende Hand, ein offenes Ohr, ein lachendes Gesicht. Egal wie aussichtslos die Lage erschien, sie ging vorüber und konnte gemeistert werden. In welchem Ausmaß uns dabei fremde Menschen geholfen haben, hat uns nicht selten sprachlos gemacht. Eigentlich hätte jede und jeder von ihnen verdient, hier namentlich genannt zu werden, aber das würde diesen Beitrag sprengen. Einige davon waren kurze Begegnungen, manche sind für einen Tag oder Abend zu unserer Familie geworden, andere zu Weggefährten, manche zu Rettern in der Not oder treuen Begleitern. Wir sind unglaublich dankbar für all diese Begegnungen, Gespräche, Inspirationen und Einblicke in das Leben anderer Kulturen. Und wir haben uns für unsere Wiedersesshaftwerdung in Deutschland fest vorgenommen, dass wir genauso offen, herzlich und selbstverständlich für all diejenigen da sein wollen, die wann und wieso auch immer ein Bett, ein Essen, ein Dach über dem Kopf, einen Rat, einen aufmunternden Blick oder sonst etwas benötigen.
Was die Reise außerdem verändert hat, ist der Blick auf das, was möglich ist. Grundsätzlich ist nämlich überraschenderweise viel mehr möglich, als man denkt. Und wenn irgendwer dir sagt: Nein, das geht aus diesen oder jenen Gründen nicht, dann probier es trotzdem aus. Meistens geht es nämlich doch. Und wenn deine eigenen Ängste sich mal wieder aufspielen, dann weise sie in die Schranken, denn sie sind sehr oft unbegründet und hindern dich nur daran, weiterzukommen.
Irgendwann auf der Reise bin ich auf einen Text von Robert Walser gestoßen, den ich zwischendurch immer und immer wieder gelesen habe und der somit zu einer Art Credo der gesamten Reise wurde. Er soll das Ganze hier nun abschließen und diese Worte möchte ich auch jeder Person mit auf den Weg geben, die vielleicht zu einer ähnlichen Reise aufbrechen wird. Es handelt sich um einen Auszug aus dem Aufsatz „Brief eines Mannes an einen Mann“ von Robert Walser:
„Sie schreiben mir, dass Sie sich ängstigen, weil Sie ohne Stelle sind, und weil Sie fürchten müssten, lange ohne Verdienst zu bleiben. Ich bin etwas älter als Sie und darf Ihnen aus der Erfahrung raten. Fürchten Sie sich doch ja nicht. Denken Sie weiter nichts. Wenn Sie Entbehrungen zu tragen haben, so seien Sie stolz, Sie ertragen zu dürfen. Leben Sie so, dass Sie mit einer Suppe, einem Stück Brot und einem Glas Wein leben können. Das kann man. Rauchen Sie nicht, denn das nimmt Ihnen die wenigen körperlichen Stärkungen, die Sie sich leisten können, weg. Sie haben eine ungeheure Freiheit vor sich. Rund um Sie duftet die Erde, Ihnen gehört sie, will Ihnen gehören. Genießen Sie sie. Fürchtlinge genießen nichts. Also weg mit der Furcht. Seien Sie nicht grob, und fluchen Sie keinem Menschen, auch dem Bösesten nicht. Versuchen Sie lieber, zu lieben, wo ein anderer, weniger Besonnener und Starker, hassen würde. Glauben Sie mir dieses Wort: Der Hass zerstört den Geist im Menschen auf eine vernichtende Weise. Lieben Sie nur gleich alles. Es schadet nichts, zu verschwenden. Stehen Sie am Morgen früh auf, sitzen Sie wenig, schlafen Sie korrekt und schnell. Man kann das. Wenn Sie an der Hitze leiden, so achten Sie nicht weiter darauf, sondern tun Sie so, als ob Sie es nicht bemerkten. Wenn Sie an eine frische Quelle kommen, so versäumen Sie nicht, daraus zu trinken. Wenn man Ihnen mit Anstand schenkt, nur genommen, aber, mit Anstand. Prüfen Sie sich jede Stunde, rechnen Sie mit sich, unterhalten Sie sich lieber mit Ihrem eigenen Geist, als mit dem Verstand gelehrter Menschen. Meiden Sie die Gelehrten, denn es sind, mit wenig Ausnahmen, herzlos Menschen. Schaffen Sie sich öfters Gelegenheit zu lachen, zu tändeln. Die Folge davon: Sie werden ein schöner, ernsthafter Mensch.“
