Zurück im Land des Lächelns

Die Aufregung stieg, als wir in Mae Sot unser 30-tägiges Visum in die Pässe gestempelt bekamen und damit nach acht bzw. neun Jahren wieder thailändischen Boden betraten. Eric war 2010 und ich 2011 für ein Auslandssemester nach Bangkok gekommen. Was hatte sich getan in dieser langen Zeit? Würden wir das Thailand unserer Erinnerungen vorfinden? Eindeutige Anzeichen dafür, dass wir nun in Thailand waren, ließen nicht lange auf sich warten: Die erste 7-Eleven-Filiale tauchte auf, zahlreiche Shake-Verkäufer säumten die Straßenränder und der König blickte von riesigen Plakaten und Fotografien auf uns herab. Allerdings nicht mehr der altvertraute Bhumipol, sondern sein Sohn, der 2016 nach dem Tod des Vaters den Thron bestiegen hat. Die ersten Grüße erwiderten wir mit euphorischen „Sawadi kha“ und „Sawadi khrap“-Rufen.

Abends stürzten wir uns natürlich sofort auf den kleinen Nachtmarkt der Stadt und hätten am liebsten alles auf einmal wieder ausprobiert, was wir von der Zeit unserer Auslandssemester kannten. Wir starteten mit Green Curry und gebratenem Gemüse mit Cashews, zum Nachtisch gab es Kokoscreme mit Fruchtstücken und einen riesigen Schoko-Shake. In unserem schönen und geräumigen Bambus-Zimmer, das wir in einem Guesthouse mit kleinem Garten bezogen hatten, ließ es sich auch aushalten und so beschlossen wir, noch einen Tag zu bleiben. Am nächsten Abend fand zufälligerweise ein noch viel größerer Nachtmarkt in der Nähe des Guesthouses statt und so versorgten wir uns dort gleich mit Som Tam, dem für Thailand typischen Papaya-Salat, frischen Sommerrollen und dem besten Nachtisch der Welt: Klebreis mit Mango und Kokosmilch.
Nach diesen zwei Eingewöhnungstagen hatte uns das Thailand-Fieber sofort wieder gepackt. Alles ist so easy und entspannt in diesem Land!

Bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten hatten wir nun auch keine Polizei und Touristen-Beauftragten mehr zu fürchten und wir freuten uns darauf, im vertrauten Thailand radelnd unterwegs zu sein. Zunächst sollte es hoch in den Norden nach Chiang Mai gehen. Die erste Etappe hatte es gleich in sich: Bei mittlerweile wirklich unerträglicher Hitze ging es ständig bergauf und -ab, sodass wir mittags beschlossen, ein Stück per Anhalter zurückzulegen. Jedes zweite Auto, das an uns vorbeifuhr, war ein Pick-up, sodass die Fahrradmitnahme auch kein Problem sein sollte. Nach wenigen Minuten hielt tatsächlich ein Paar mittleren Alters an und verstaute uns mitsamt unserer ganzen Ausrüstung auf der Ladefläche eines riesigen Gefährts. Von der Kleinstadt Tak radelten wir weiter und trafen wenig später zwei andere Radlerinnen, die in die gleiche Richtung unterwegs waren: Mad und Apo aus Frankreich, die ein halbes Jahr durch Südostasien touren. Ich freute mich über die Frauenpower, denn die meisten Radler*innen, die wir treffen, sind als gemischtgeschlechtliche Paare unterwegs oder alleinreisende Männer. Die Nacht verbrachten wir zu viert in einem Kloster, das von verrückten Hunden regiert wurde, die ständig unsere Schuhe und Socken verschleppten.

Vegetarisches Essen zu finden wurde fernab größerer Städte etwas schwieriger, da die Thais einfach wahnsinnige Fleischliebhaber sind. Reis mit Gemüse geht zum Glück immer und knusprig in Teig frittierte Bananen waren auch leicht aufzutreiben. Gelegentlich mussten wir aber doch wehmütig an Myanmar zurückdenken, wo wir wirklich überall total abwechslungsreich, üppig und lecker vegetarisch essen konnten und das zu höchstens der Hälfte der Preise, die in Thailand üblich sind. Eines Nachmittags wurden wir dafür aber von einer Gruppe liebenswürdiger Dorfbewohner spontan mit kühlem Kokoswasser, kleinen Klebreis-Päckchen und gekühlten Säften versorgt. Ein anderes Mal schenkte uns ein vorbeifahrender Mann zwei Kokosnüsse, deren Inhalt zu einer Art Kokos-Wackelpudding verarbeitet worden war, den man aus der Schale löffeln konnte. Abkühlung verschafften auch die genialen Shake-Stände, die in regelmäßigen Abständen selbst in den kleinsten Orten auftauchten und unter anderem leckeren Eiskaffee im Angebot hatten. An einem Nachmittag kamen wir an einem kleinen See vorbei, in den wir in der Mittagshitze kurz hineinsprangen.

Unsere Schlafplätze variierten nun jeden Tag: Nach der ersten Nacht im buddhistischen Kloster landeten wir auf einer der unzähligen Mango-Plantagen, die hier wirklich überall zu finden sind und schlugen unser Zelt unter den blühenden Bäumen und einem wunderschönen Sternenhimmel auf. Am nächsten Abend waren wir auf einem kleinen Markt mit Dorfbewohnerinnen ins Gespräch gekommen und sie gaben uns den Tipp, auf dem nahegelegenen Sportplatz zu zelten. Dort gab es einwandfreie Duschen und Toiletten und wir hatten auf einem riesigen Gelände freie Zeltplatzwahl. Die letzte Nacht vor Chiang Mai kam dann mal wieder alles ganz anders als geplant. Wir fuhren bis nach Lamphun und hatten vor, dort ein Kloster oder ein günstiges Guesthouse zu finden. Ich sprach auf einer Straße, in der auf meiner Karte eine Unterkunft eingezeichnet war, einen Bewohner an, weil wir ihn nach dem Weg fragen wollten. Nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten lud uns der Mann spontan zum „Homestay“ ein, wie er es nannte. So durften wir in einem leerstehenden Haus übernachten, das ihm wohl gehörte und wurden von seiner Frau gleich mit kaltem Wasser, Erdbeeren und Keksen eingedeckt.

In Chiang Mai beschlossen wir, für mindestens eine Woche zu bleiben. Wir waren beide ziemlich pausenreif, außerdem wollten wir uns hier an die Herausforderung wagen, die über unsere weitere Reise entscheiden würde: Das China-Visum. Im ersten Moment konnte ich die Stadt, die ich von vor acht Jahren kannte, nicht mehr wiedererkennen. War damals auch schon jedes zweite Gebäude ein Guesthouse, Coffeeshop, Tattoo-Studio oder Elefantenhosen-Geschäft? Auf der Straße begegnete man mehr Ausländern als Thais. Natürlich war Chiang Mai auch damals schon ein beliebtes touristisches Ziel gewesen, aber in diesem Ausmaß? Auch die Chinesen haben die Stadt mittlerweile als Urlaubsort entdeckt… Naja vielleicht verstellt mir meine Nostalgie ein bisschen den Blick. Nach ein paar Tagen in der Stadt habe ich Chiang Mai dann auch wieder ins Herz geschlossen, trotz des Kommerzes, der auf den ersten Blick ins Auge sticht. Die Altstadt hat wunderschöne Tempel und dank des immer noch ausgeprägten alternativen Spirits kann man im Park kostenlos Yoga machen und bei der „vegetarian society“ gibt es für ein paar Baht die Auswahl an einem riesigen, abwechslungsreichen Buffet.

Nach Chiang Mai verschlägt es viele Radler*innen, man kann sich in der Stadt an einigen Orten Räder ausleihen und Einheimische sind auch nicht selten mit dem Fahrrad unterwegs. Eric hatte deshalb die Idee, spontan eine Critical Mass zu veranstalten und so radelten wir eines Abends zusammen mit etwa 30 Leuten, zur Hälfte Thais und zur Hälfte Ausländer, durch Chiang Mai. Mit dabei waren Michel und Olga, die seit 3 Jahren um die Welt radeln und die wir in Myanmar schon einmal getroffen hatten, sowie Sara und Andi aus der Schweiz, die ebenfalls bald zur großen Reise aufbrechen. Die beiden kannten einen fahrradbegeisterten Thai, der bereits einige Fahrten um Chiang Mai organisiert hatte, und schon war die spontane Critical Mass auf die Beine gestellt. Eine Woche nach der Beantragung konnten wir dann tatsächlich unser lang ersehntes China-Visum abholen und machten uns noch am selben Tag auf den Weg nach Bangkok…

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Für zehn Tage Nonne und Mönch

Wir hatten auf unserer Reise inzwischen viele getroffen, die an Vipassana-Kursen teilgenommen haben und größtenteils begeistert davon berichteten. Also wollten wir dringend selbst erfahren, was es mit der Meditation auf sich hat. Im Meditationszentrum des birmanischen Städtchens Ma-U-Bin war noch Platz und so meldeten wir uns für einen Kurs an. Vipassana bedeutet: Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Es geht also bei dieser Art der Meditation darum, tief in sich hineinzublicken, ohne jegliche Ablenkung und mit möglichst wenig Einfluss von außen. In der Folge heißt das unter anderem: Zehn Tage schweigen, zehn Tage elf Stunden täglich nur meditieren, zehn Tage morgens um 4 Uhr aufstehen, zehn Tage nicht in den Spiegel blicken.

Das alles geschieht aber nicht zum Selbstzweck. Die Lehre dahinter erstrebt ein selbstloses Handeln und die Überwindung des Leides. Die zwei Seiten von Leid – Verlangen und Aversion – wurzeln in der unkontrollierten Reaktion auf unangenehme oder angenehme Empfindungen. Vipassana soll diese Wurzeln behandeln mittels einer achtsamen und neutralen Betrachtung von Körperempfindungen. Durch das bewusste Erleben von Gefühlen wie Schmerz, Hitze oder subtilem Kribbeln und deren Vergehen kann man einen ausgeglichenen Geisteszustand trainieren. Das hilft auch im Alltag, gelassener mit unangenehmen Situationen umzugehen und selbst tief im Unterbewusstsein verankerte Komplexe zu lösen. Die ganze Theorie besteht leider aus zu vielen zusammenhängenden Aspekten, um sie jetzt in allen Einzelheiten erklären zu können. Aber das wäre sowieso nicht im Sinne des Vipassana, solange es nicht selbst erlebt wird. Wir lernten, dass an unseren Leiden größtenteils nicht die Umwelt Schuld ist, sondern unsere Erwartungen an die Welt, die oft schlicht nicht erfüllt werden. Wenn wir aufhören, uns an den eigenen Überzeugungen und Vorstellungen festzuklammern, wird es einfacher, die Welt zu akzeptieren und mit ihr glücklich zu sein.

Ein Vipassana-Kurs geht mit ein paar einfachen Regeln einher, unter anderem die „edle Stille“, die Gespräche, aber auch Gesten und sogar Augenkontakt während der gesamten Dauer verbietet. Die Teilnehmenden sollen sich ganz auf sich selbst konzentrieren können. Konsequenterweise haben wir am Eingang auch gleich unsere Handys und allerlei andere technische Geräte, aber zum Beispiel auch Bücher abgeben müssen. Dann begannen die ein- bis zweistündigen Meditationssitzungen, die den Tag durchstrukturierten. Uns wurde schnell klar, dass langes Stillsitzen sehr schmerzhaft sein kann und stellten überrascht fest, was für seltsame Erinnerungen noch in unserem Gedächtnis gespeichert waren.

„Be happy“ verkündeten mehrere Schilder, die auf dem Gelände aufgehängt waren, was in manchen Situationen nur schwer einzuhalten war. Gegen Ende des Tages, wenn die Beine und der Rücken nur noch schmerzten, wenn die Fähigkeit, sich auf den eigenen Körper zu konzentrieren, stark abgenommen hatte und wenn plötzlich Zweifel an dieser ganzen Meditationstechnik aufkamen, dann genügte ein Blick auf einen dieser Zettel, um an den Rande eines Nervenzusammenbruchs zu gelangen. Was natürlich genau nicht passieren sollte. Also tief einatmen, und denken: es wird vorübergehen, so wie alles vorübergehen wird. „Discipline is the lifestream of the centre“ mahnte ein weiteres Schild, das davor bewahrte, morgens den Gong einfach mal zu ignorieren oder bei der Meditation im Zimmer eine Wand zum Anlehnen zu benutzen bzw. sich gleich hinzulegen.

Die ersten drei Tage sollten wir zunächst nur unseren Atem beobachten und versuchen, unsere Aufmerksamkeit sofort wieder auf das Ein- und Ausatmen zu lenken, sobald wir merkten, dass wir abgeschweift waren. Gegen Ende des ersten Tages stellte ich fest, dass ich es in den elf Stunden, in denen ich nichts anderes versucht hatte, als meinen Atem zu beobachten, nicht geschafft hatte, eine vollständige Minute ununterbrochen nur dies zu tun. Nicht eine Minute in elf Stunden! Es ist unfassbar, wie unruhig der eigene Geist ist. Wie er immer nur zwischen Gedanken an die Vergangenheit und die Zukunft hin- und herpendelt. Wie er es nicht schafft, präsent zu sein und einfach die Gegenwart wahrzunehmen.

Am vierten Tag wurden wir in die eigentliche Technik eingeführt. Diese besteht aus dem systematischen Durchfühlen aller Körperteile nach Empfindungen. Von nun an hatten wir während mancher Sitzungen die Wahl, in der großen Meditationshalle zusammen mit der Gruppe oder in einer eigens zugewiesenen kleinen Zelle allein zu meditieren. Momente der Resignation und Verzweiflung wechselten sich ab mit Momenten der tiefen Zufriedenheit, Hoffnung und auch der Euphorie. In manchen Augenblicken, meist vormittags, hatte ich gelegentlich einen ganz wachen und klaren Geist, der wirklich nichts anderes tat, als immer und immer wieder durch den Körper zu wandern und auf Empfindungen aller Art zu achten, ohne diese zu bewerten. Aber ganz oft war der Strom an Gedanken nicht aufzuhalten, ganz oft war der Geist einfach träge und unachtsam, ganz oft waren die Schmerzen zu groß, um sie neutral zu beobachten und ganz oft wurde der Gong, der jede Sitzung beendete, herbeigesehnt.

Jeden Abend lauschten wir für eineinhalb Stunden gemeinsam den aufgezeichneten Erläuterungen von S.N. Goenka, der die Technik des Vipassana verbreitet und weltweit Meditationszentren ins Leben gerufen hat. Seine Worte waren oft Bestätigung für das, man tagsüber empfunden und erlitten hatte und zugleich Aufmunterung für den nächsten Tag. Die vielen anschaulichen Geschichten und Beispiele aus dem Leben, die Goenka anführte, machten deutlich, dass Vipassana mehr ist als nur eine Meditationstechnik. Dahinter steckt eine Lebensweise, die auf gegenseitigem Respekt aller Lebewesen, Mitgefühl und der Verabschiedung des Egos beruht. Seine Worte brannten sich nach zehn Tagen tief in unser Gedächtnis ein und manche Sätze waren wie kleine Offenbarungen, die einem plötzlich aus einem Problem helfen, das man jahrelang mit sich herumschleppte. Jede Meditationssitzung wurde außerdem mit folgenden unvergessenen Worte von ihm eingeleitet: „Work diligently. Understand the technique properly. Work patiently. Patiently and persistently.“

Nach Goenkas Überzeugung sollte die Lehre selbst kostenlos sein. Nach dem Kurs können alle Teilnehmenden aber für das Essen und die Unterkunft spenden. Wir spendeten jedoch nicht für unsere eigene Teilnahme, denn die wurde von unseren Vorgänger*innen bezahlt. Somit ermöglichen sich die Teilnehmenden solidarisch gegenseitig die Teilnahme und die Verbreitung der Lehre. Um die Verpflegung kümmerte sich ein Team aus engagierten Freiwilligen, die alle schon mal selbst einen Kurs durchgemacht hatten und genau wussten, was in uns vorging. Das Essen ist in Vipassana-Kursen grundsätzlich vegetarisch und war in unserem Fall unglaublich lecker. Frühstück gibt es morgens um 6 Uhr, Mittagessen um 11 Uhr und abends ist um 5 nur noch eine Teepause vorgesehen.

Nach zehn Tagen in dieser absoluten Extremsituation wurden wir dann wieder in die Welt entlassen und es fühlte sich alles viel intensiver an. Wir nahmen die Dinge ganz bewusst wahr. Als wir auf die Räder stiegen war es, als würden wir nach Jahren zum ersten Mal auf einem Fahrrad sitzen und nun zu einer neuen Reise aufbrechen. Als wir zu Mittag aßen, war jeder Löffel wie ein kleines Wunder, das ganz lange ausgekostet werden will. Sich in die Augen zu schauen und zu berühren war magisch. Und wir merkten, wie sich in unserer Denkweise Dinge verändert hatten. Wie alter Ballast abgefallen war und ganz viel Vergebung, Nachsicht und Gnade Oberhand gewonnen hatten. Wie neue Pläne und Vorstellungen vom richtigen Leben Raum gewonnen hatten und auf Umsetzung warteten. Wie wir einfach unbändige Lust auf die Welt da draußen hatten.

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Weiter durch Myanmar

Unser erstes größeres Ziel in Myanmar war Bagan, wo sich auf einem Gebiet von über 30 km² tausende von Pagoden, Tempeln und Klöstern befinden. Die meisten von ihnen stammen aus dem elften Jahrhundert, in dem Bagan noch eine Königsstadt war. Ein beeindruckendes Gelände, in dem man tagelang herumfahren und unterschiedlichste Arten von Pagoden entdecken kann. Nur tummeln sich dort mindestens so viele Touristen wie Pagoden und dementsprechend teuer und an Ausländer angepasst ist der Ort. Im Supermarkt gibt es plötzlich Bio-Joghurt zu kaufen und im fancy vegetarischen Restaurant bezahlen wir das Zehnfache unseres bisher üblichen Preises. Zum Sonnenuntergang kletterten wir eines Abends auf eine der begehbaren Pagoden und beobachteten (zusammen mit einigen anderen Touristen), wie die Sonne als leuchtend roter Ball hinter den unzähligen Spitzen anderer Pagoden verschwand – zwar sehr schön, aber wenn ein Dutzend mit Kameras bewaffneter Menschen auf einem Fleck kauert und jeder die schönste Bagan-Sonnenuntergangs-Stimmung einfangen will, kommt mir das Ganze eher absurd vor.

Von Bagan nahmen wir einen Bus nach Pyay, um von dort die letzten 350 Kilometer nach Ma-U-Bin in der Nähe von Yangon zu radeln. Dort sollte dann unser Vipassana-Meditationskurs stattfinden. Die Nächte verbrachten wir wie gewohnt im Kloster und sie hätten unterschiedlicher nicht sein können: Das erste Kloster war als solches kaum zu erkennen und eine halbe Baustelle, auf der ein paar Jungs Chinlone spielten. Dieses faszinierend anzusehende Spiel ist in Myanmar Volkssport und wir hatten es nun schon oft am Straßenrand beobachtet. Ein kleiner Rattan-Ball wird virtuos von Spieler zu Spieler durch die Luft gestupst und dabei ausschließlich mit den Füßen und dem Kopf berührt. Im Kloster gab es nur zwei Mönche – einen sehr jungen, fast noch ein Teenager, der jedoch aufgrund exzessiven Betelnuss-Konsums nur noch ein paar wenige, komplett schwarze Zähne hatte. Obwohl er kaum ein Wort Englisch konnte, setzte er sich zu uns und unterhielt sich mit uns auf einer Fantasie-Sprache, die er wohl für so etwas wie Englisch hielt. Der zweite Mönch schien das Mönch-Sein etwas ernster zu nehmen und meditierte den ganzen Abend über vor einer Buddha-Statue. Um 8 war dann aber auch Schicht im Schacht und alle Lichter gingen aus, sodass wir uns ebenfalls sehr früh in unsere Schlafsäcke verkrochen.

Tags darauf landeten wir in einem riesigen Party-Kloster. Hätten wir gewusst, dass die dort zu hörende ohrenbetäubende Live-Musik die ganze Nacht andauern würde, hätten wir sicherlich nicht angehalten… Wir wurden von einer Gruppe Männer empfangen, die uns das gesamte Gelände zeigte und alle Einzelheiten des Spektakels erklärte. Gefeiert wurde anlässlich des Todes eines wichtigen Mönchs, dessen Körper aufgebahrt in der Mitte eines riesigen Festzelts lag. Daneben spielten die Musiker eine für uns wirklich kaum auszuhaltende disharmonische Musik in einer Lautstärke, die jegliche Kommunikation unmöglich machte. Kaum hatten wir unsere Blicke vom toten Mönch abgewandt, wurden wir von einer Gruppe zum Selfie aufgefordert, in unmittelbarer Nähe der Leiche. Die nächste Station auf unserem Rundgang war eine Art großer Jahrmarkt. Es gab nicht nur alles Mögliche zu essen, sondern auch „Tattoos“ zum Aufkleben oder Schießbuden. Nachdem wir uns mit Essen eingedeckt hatten, wurden wir zu unserem Schlafplatz geführt – eine riesige hell erleuchtete Halle voller Moskitos, in der noch dutzende andere Menschen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Direkt nebenan spielte das Orchester in unermüdlichem Eifer. An Schlaf war diese Nacht nicht zu denken. Als ich gegen 5 Uhr morgens doch mal kurz eingeschlafen sein musste, wurde ich vom Geräusch eines Staubsaugers geweckt. Irgendwer hatte wohl die Idee, um diese Uhrzeit mal eben zwischen den herumliegenden Menschen staubzusaugen. Why not. So früh wie an diesem Morgen waren wir selten auf der Straße.

In der dritten Nacht hatten wir glücklicherweise wieder ein ruhigeres Kloster erwischt, in dem nur zwei lächelnde Mönche lebten. Umgeben von Fischteichen und Kanälen wirkte der kleine Komplex ein bisschen wie eine Märcheninsel. Wir bekamen erst einmal 5 Dosen Energy Drink serviert, die wir dankend ablehnten, ohne die wir aber am nächsten Morgen nicht das Kloster verlassen durften. Eine Frau aus dem Dorf brachte uns sogar noch Kissen und Decken und am nächsten Morgen wurden wir von einer anderen Frau mit Nudelsuppe versorgt. Diese hatte sich das Gesicht mit der landestypischen Thanaka-Paste eingeschmiert, die aus Baumrinde hergestellt wird. Viele Burmesen machen derart großzügig Gebrauch von der Paste, das das Ganze eher an Kriegsbemalung als an Make-up oder Sonnenschutz erinnert. Die Frau redete während des Frühstücks auf Burmesisch auf uns ein und öffnete irgendwann eine große Holztruhe, in der zwei gigantische Schlangen lagen. Mir blieb beim Anblick dieser ungeahnten Mitbewohner der letzte Rest Nudelsuppe im Hals stecken und ich war ganz froh, dass wir nicht gestern Abend schon davon erfahren hatten.

Wir erreichten rechtzeitig Ma-U-Bin, den Ort unseres 10-tägigen Meditationskurses, und begaben uns mit zwei Dutzend anderen Westlern und Einheimischen in die „Edle Stille“. Nach dem Kurs (es wird einen gesonderten Bericht geben) nahmen wir uns noch einen Tag, um die Stadt um das Meditationszentrum herum kennenzulernen. Gemütlich und geschäftig zugleich bereitete sie uns eine sehr entspannte Rückkehr in die Welt. Dann radelten wir nach Yangon. Die ehemalige Kapitale wollte mit ihren 5 Millionen Einwohnern, Einkaufszentren und prall gefüllten Fahrbahnen überhaupt nicht zu dem Bild des restlichen Landes passen. Dennoch: Auch hier zogen morgens die Mönche um Essen bettelnd durch die Nachbarschaften und zwischen sauber uniformierten Bürodamen tauchte ab und zu ein Thanaka-bemaltes Gesicht auf. Am Valentinstag schafften wir es tatsächlich, völlig ungeplant im Stadtpark eine Runde im Schwanen-Tretboot zu drehen.

Auf der weiteren Strecke bis zur thailändischen Grenze warteten wieder neue Herausforderungen auf uns. Zum Einen war es hier im Südosten des Landes deutlich heißer und ab elf Uhr war das Radeln ganz schön anstrengend. Zum Anderen wurde die Schlafplatzsuche schwieriger, weil wir in den Klöstern nicht mehr automatisch eine Zusage zum Übernachten erhielten. 100 Kilometer vor Hpa-an geschah jedoch etwas, womit wir in Myanmar gar nicht gerechnet hätten, weil es ja verboten ist: Wir wurden zu Einheimischen nach Hause eingeladen. Wir wollten eines Morgens nach dem Frühstück gerade losradeln, als uns ein höchst dubios aussehender Mann anquatschte. Er erzählte uns, dass er die Regierung hasse und im Dschungel als Guerilla-Kämpfer aktiv gewesen sei. Auf seinem T-Shirt prangte ein riesiger Panzer und die blauen Kontaktlinsen, die er trug, standen im krassen Kontrast zu seiner dunklen Hautfarbe und ließen sein ganzes Gesicht unnatürlich wirken. Aber er hatte ein Haus in Hpa-an und gab uns eine Telefonnummer, die wir anrufen sollten, wenn wir dort angekommen wären. Wir standen der ganzen Sache noch etwas misstrauisch gegenüber, aber in Hpa-an wurden wir tatsächlich von zwei jungen Männern in einer großen Villa empfangen und durften uns ein Zimmer unter vielen heraussuchen, in dem wir zwei kostenlose Nächte verbringen konnten. Wir wollten die beiden jungen Männer zum Dank wenigstens zum Abendessen einladen, aber keine Chance. Als ich den Geldbeutel gezückt hatte, war schon alles bezahlt. Hpa-an hat uns landschaftlich auch sehr gut gefallen. Die Kleinstadt liegt an einem Fluss und ist von zahlreichen hohen Felsen, Bergen und Höhlen umgeben. Wir nahmen uns den Mount Zwegabin vor, auf dem ganz oben ein Kloster steht, und wurden nach 3700 Stufen mit einer atemberaubenden Sicht belohnt.

Ausgerechnet in unserer letzten Nacht in Myanmar hat uns die Polizei dann doch noch erwischt. An diesem Tag war von Anfang an der Wurm drin. Die asphaltierte Straße, die aus Hpa-an herausführte, wurde allmählich zu einer steinigen Schotterpiste, überzogen von einer roten Sandschicht, die uns bald überall am Körper klebte. Als wir am späten Nachmittag in einem Kloster fragten, ob wir über Nacht bleiben dürfen, gab uns zwar der Mönch sofort sein OK, aber einige Dorfbewohner hatten uns gesehen und wollten erst mit der Polizei sprechen. Nachdem wir ewig gewartet hatten und die Sonne mittlerweile auch schon untergegangen war, erhielten wir endlich die Antwort: Wir dürften leider nicht bleiben, es sei zu gefährlich, wir sollten bitte in den nächsten Ort weiterfahren, dort gebe es ein Hotel. Also wieder auf die Räder und zum nächsten Ort.

Eric blieb plötzlich stehen und meinte, irgendetwas an seinem Fahrrad stimme nicht. Wir schauten beide auf das Rad und nach wenigen Sekunden wurde uns das Unglaubliche klar: Der Rahmen war gebrochen. Ein leises Knacken hatte das Unterrohr glatt vom Steuerrohr getrennt und nun schlingerte alles nur noch wild. Also schieben. Es waren zwar nur noch drei Kilometer, aber in der Dunkelheit auf einer schon ganz gut befahrenen Straße war das Ganze kein Spaß. Als wir endlich im Ort angekommen waren, suchten wir nach dem angekündigten Hotel, aber fanden nur ein Gebäude, das zwar nach einem Hotel aussah, von dem wir aber weitergeschickt wurden. Wir fragten also irgendwann eine Gruppe Männer nach einer Unterkunft. Nach längerem Diskutieren und Telefonieren wurden wir angewiesen, einem der Herren und seinem Moped zu der bereits passierten Herberge zu folgen. Auf halber Strecke hielt unser Anführer jedoch plötzlich an und meinte, wir sollten bitte einen Augenblick warten. Wir standen bestimmt wieder eine Viertelstunde am Straßenrand, als ein Polizeiwagen hinter uns anhielt. Man erklärte uns knapp, dass wir nun mitsamt den Rädern abtransportiert werden würden bis in einen 20 km entfernten Ort, in dem es ein für Touristen lizensiertes Hotel gebe. Also teilten wir uns etwas widerwillig die zugige Ladefläche des Transporters mit unseren Fahrrädern. Mir war mittlerweile alles egal, ich wollte nur noch irgendwo ankommen. Ich hustete die ganze Zeit vor mich hin, weil ich seit Tagen eine Erkältung mit mir herumschleppte, die einfach nicht weggehen wollte. Nach etwa einer Stunde Fahrt über unzählige Schlaglöcher waren wir schon fast angekommen, legten aber kurz vor dem Zielort Kawkareik noch einmal eine geheimnisvolle Pause ein und standen eine weitere halbe Stunde herum. Gegen 11 fielen wir im zauberhaften Honey Guesthouse endlich in unsere Betten.

Am nächsten Morgen waren wir zum Glück wieder ausgeruht und fähig, über den Irrsinn der letzten Nacht zu lachen. Unsere erste Mission lautete: jemanden finden, der uns Erics Rahmen zusammenschweißt. Das war leichter als gedacht. Im ersten Hinterhof, den wir betraten, fanden sich zwei Männer, die innerhalb von 10 Minuten mit der Ray-Ban-Sonnenbrille als Gesichtsschutz das Fahrrad repariert hatten und eine Bezahlung dafür vehement verweigerten. Zum Frühstück gab es im Anschluss leckere Kokosmilch-Nudeln und Bananen-Shake und wir waren bereit, die letzten heißen, hügeligen Kilometer bis zur thailändischen Grenze zurückzulegen.

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Peace, Palmen und Pagoden

Indien zu verlassen fühlte sich für uns an wie eine Befreiung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich die Kulturen auf beiden Seiten einer gedachten Linie unterscheiden können. Sauberkeit, keine Hupen mehr, lächelnde Gesichter, Erleichterung in unseren Herzen. Das war der erste Eindruck von Myanmar. Wir haben das Glück, als einige der ersten die Grenze von Indien überhaupt überqueren zu dürfen, nachdem sie vor wenigen Monaten erst wieder für Ausländer geöffnet wurde. Im Grenzort sahen wir plötzlich andere Reiseräder am Straßenrand und fanden umgehend die Inhaber*innen im anliegenden Restaurant. Und dann gleich vier auf einmal! Das britische Paar hatte sich mit dem deutschen Eric und noch einem Amerikaner wenige Tage zuvor zusammengetan. Wir erfuhren, dass im Gästehaus gleich sogar noch zwei Radler auf uns warten. Was für eine überraschende Zusammenkunft. Dass Olga und Michel schon seit ein paar Tagen in Myanmar waren und sich bereits auskannten, erleichterte uns ein paar übliche Standard-Aufgaben im neuen Land: SIM-Karte kaufen, Geld wechseln und Bankautomaten finden, erste winzige Sprachbrocken lernen…

Wir waren heiß darauf, das Land kennenzulernen. Die Reisemüdigkeit, die wir in Indien gegen Ende verspürt hatten, war mit einem Mal verflogen. Kurz fuhren wir zu siebt zusammen, dann verfolgten wir aber lieber unser eigenes Tempo. Buddhistische Klöster wurden zum Landesinneren hin immer häufiger und haben für uns den tollen Vorteil, dass Fremde dort kostenlos, sicher, simpel, sauber und in netter Mönchs-Gemeinschaft übernachten dürfen. Das probierten wir sofort aus und hatten Glück in der Klosterschule der Kleinstadt Khampat. Die Schüler*innen wiederholten laut im Chor bis 22 Uhr Gebete und morgens ging es schon vor Sonnenaufgang weiter. Zur Morgengymnastik waren dann hunderte Kinder im Klosterschulhof versammelt und bereiteten uns einen euphorischen Abschied. Die Strecke war weiterhin traumhaft. Glatt und eben führte die Asphaltstraße durch tropische Wäldchen, Bananenplantagen und saugemütliche Dörfer voller Bambushütten. Kaum Verkehr, regelmäßig Restaurants mit ungewohnten Speisen und Snacks.

Abschreckend im Ganzen frittierte Vögelchen werden da angeboten, aber eben auch köstlicher Salat aus fermentierten Teeblättern mit knusprig gerösteten Bohnen und natürlich Reis in allen erdenklichen Zubereitungsarten. Myanmar ist absolutes Reisland. Jede Mahlzeit basiert auf den weißen, manchmal hier aber auch schwarzen oder braunen Körnern. Ob gekocht oder zu Nudeln oder Kuchen verarbeitet, gepufft als Waffeln, Klebreis als Päckchen in Bananenblätter gewickelt oder praktisch für unterwegs in Bambusrohre gestopft usw… Täglich entdecken wir neue Reiswelten. Nur das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt überhaupt nicht. Mehrmals hatten wir ein üppiges Mittagessen mit vielen vegetarischen Beilagen für weniger als einen Euro. Beide zusammen. Mit ungefragt aufgetischtem Nachschlag. Tee und Trinkwasser sind in Restaurants grundsätzlich kostenlos. Wie geht das?!?

Wir wussten, dass in Myanmar bei Einheimischen zu übernachten illegal ist; die Regierung will, dass Touristen in lizensierten Hotels schlafen. Schon nach wenigen Tagen kamen wir deswegen fast in Schwierigkeiten. Wir hatten wieder einen Schlafplatz im sehr netten Kloster bekommen, als wir auf der Straße angesprochen und wenig später dem örtlichen „Touristenbeauftragen“ vorgestellt wurden. Kalewa ist eine kleine Stadt abseits der Touristenmagneten und hier kommen wahrscheinlich weniger als 10 Ausländer pro Woche durch. Uns wurde zu verstehen gegeben, dass auch im Kloster zu schlafen illegal sei und wir bitte in das Gästehaus gehen sollen. Nach langer Diskussion konnten wir uns lösen und gingen sofort ins Kloster zurück, wo kurze Zeit später auch der Polizist mit zwei weiteren Männern im Zimmer stand. Na mal sehen, dachten wir halb trotzig und halb bangend. Irgendwann wurde klar, dass hier wohl die Religion über der Staatsgewalt steht und wir in unserer Kammer bleiben dürfen. Aber wir waren alarmiert. Offensichtlich halten gewisse Einheimische die Augen offen, um sicherzustellen, das Ausländer am „richtigen“ Ort zum Schlafen landen. Das ist schon etwas gruselig und schade angesichts der sonst großartigen Gastfreundschaft der Burmesen.

Da wir schnell in die Nähe von Yangon kommen müssen, wollten wir mit einer Schiffsfahrt über den Chindwin-Fluss Zeit sparen. Natürlich reizte uns auch dieses Abenteuer und so bestiegen wir in Kalewa eine Fähre voller Einheimischer nach Monywa. Sie sollte gegen Abend ankommen, doch daraus wurde nichts. Im dichten Nebel der Morgenstunden, einer Atmosphäre, die nicht zu dieser Welt passen wollte, landeten wir auf der ersten Sandbank. Bis wir freikamen, floss einiges Wasser den Chindwin herab und im Laufe des Tages wiederholte sich das Spiel. Wir bekamen den Eindruck, dass die Crew das alles gerade zum ersten Mal ausprobierte. Als nichts half, sollten auch die männlichen Passagiere mit in den Fluss, zum Anschieben. Also stand ich Augenblicke später in Unterhose hüfttief in der braunen Suppe und stemmte mich mit zehn kleinen Burmesen gegen Stahlrumpf und Strömung. Tatsächlich kam der Kahn nach einigen Anläufen frei und es konnte weitergehen. Bis es dunkel wurde… „The boat sleep here“, erfuhren wir nach zwei Dritteln der Gesamtstrecke und machten es uns im Bauch des Flussungeheuers bequem. Am späten Vormittag kamen wir nach einer weiteren unfreiwilligen Pause endlich an und waren so froh, wieder die Beine bewegen zu können, dass wir sofort losradelten.

Zum Schlafen fanden wir einen wundervollen heiligen Ort voller Stupas – buddhistischer Andachtsstätten – und einer großen Gebetshalle für das Nachtlager. An diesem Tag hatten wir uns ausnahmsweise mal zwei Dosen kühles Bier besorgt und beim Abladen im Kloster sah ich „unseren“ Mönch die Dosen vom Boden aufheben, in der Annahme, er stellt sie irgendwo ab oder entfernt sie von der Gebetshalle, in deren Nähe vielleicht kein Alkohol erwünscht ist. Die Dosen waren dann jedenfalls spurlos verschwunden. Wir waren verwirrt. Im Laufe des Abends wurde der Mönch mehrmals auffällig, trat mir aus Versehen auf den Fuß, forderte uns etwas aufdringlich zu Spenden auf und kam schließlich sehr nahe, wobei wir seinen Atem zu spüren bekamen… Uns dämmerte widerwillig: Dieser fromme Robenträger hat uns das Bier weggesoffen! Unglaublich. Die Sprachbarriere verhinderte eine Aufklärung des Falles, aber eigentlich war alles klar und der Mönch legte sich dann auch bald mit Schluckauf in sein Bett und traute sich am nächsten Morgen nicht mehr so wirklich, uns in die Augen zu schauen. Bei einem Paulaner oder Franziskanermönch hätte ich ja nichts gesagt, aber hier hätten wir mit so einer Aktion wirklich nicht gerechnet. Normalerweise spenden wir den Klöstern, in denen wir übernachten, immer ein bisschen Geld, aber hier erschien uns die unfreiwillige Bierspende ausreichend.

Zurück in Indien: Der wilde Nordosten

Dass wir zurück in Indien sind, wurde unmittelbar an der Grenze spürbar: Direkt neben dem Schild, das in großen Lettern „Fotografieren verboten“ verkündete, wurden wir zum ersten Selfie aufgefordert und die Grenzbeamten schien es nicht weiter zu stören. Es hätte uns auch nicht gewundert, wenn sie selbst noch um ein Foto gebeten hätten. Die Straße nach Siliguri war zu unserer großen Überraschung frisch asphaltiert und so rollten wir im Abendsonnenschein auf perfektem Untergrund und noch dazu erstaunlich ruhiger Straße in unser erstes Ziel im Bundesstaat Westbengalen. Rechts und links des Weges reihte sich eine Teeplantage an die nächste und am Horizont konnten wir die letzten Spitzen des Himalaya betrachten.

Von Westbengalen ging es für uns weiter nach Assam, wo wir nach einem kurzen Aufenthalt in Guwahati hinauf nach Shillong und damit in den Bundesstaat Meghalaya radelten. Als wir in Guwahati morgens zum Frühstücken aufbrachen, waren die Straßen wie leergefegt und damit klar: Hier stimmt etwas nicht. Schnell erfuhren wir, dass gestreikt wurde und deshalb alle Geschäfte bis zum späten Nachmittag geschlossen bleiben würden. Grund für den Streik war ein Gesetz, das es nichtmuslimischen eingewanderten Afghanen, Pakistani und Bengalen erleichterte, die indische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Bei der Lokalbevölkerung stieß dieses Gesetz auf wenig Begeisterung, aus Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur – offenbar eine Reaktion, die traurigerweise an unterschiedlichsten Orten auf der Welt die gleiche ist.

Auf dem wieder einmal sehr hügeligen Weg in die ehemalige britische Hill-Station Shillong kamen wir statt an hinduistischen Tempeln plötzlich an lauter Kirchen vorbei und sonntags waren überall festlich gekleidete Menschen zu sehen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist in dieser Region tatsächlich christlich und so kam es, dass wir eines Abends auf der Suche nach einem Schlafplatz im Dörfchen Dulongnar landeten, wo uns zuerst die Kirche als Unterschlupf angeboten wurde und wir schließlich – weil die Schlüssel zur Kirche unauffindbar waren – in einer Art Gemeindehaus unsere Matten auslegen durften. Im Dorf waren alle miteinander verwandt und es war schwer auszumachen, wer hier wessen Schwester oder Mutter oder Tochter war. Auffällig war nur, dass es überwiegend Dorfbewohnerinnen gab und wir von einem Haufen Frauen willkommen geheißen wurden. Weil wie so oft der Strom ausgefallen war, bekamen wir das Abendessen als candle light dinner serviert und durften noch dazu lokale Spezialitäten wie eingelegten Bambus und gekochte Bananenblüten probieren.

Angekommen auf 1500 Metern Höhe in Shillong, besuchten wir zuerst das als „best cultural museum of Asia“ angepriesene Don Bosco Museum. Die sieben Bundesstaaten Nordost-Indiens wurden dort mit ihren zahlreichen Stämmen und Traditionen vorgestellt. Auf Fotografien sahen wir abenteuerliche Baumhäuser, nackte, tätowierte Krieger und Frauen mit durch speziellen Nasenschmuck gespaltenen Nasen. Dass derartige Stämme tatsächlich heute noch so leben, war für uns schwer vorstellbar, wo doch auf unserem Weg hierher alle zwei Kilometer ein von Einheimischen gut besuchter Kiosk mit Chipstüten und Keksen aufgetaucht war. Trotz der etwas zweifelhaften Überhöhung des Museums-Namensgebers ein sehr informatives und aufwendig gestaltetes Museum – inklusive „Sky-Walk“ mit Blick über die Dächer Shillongs und einem unvergesslichen Film über die Schönheit Nordost-Indiens.

In der Nähe liegt Cherrapunjee, der niederschlagsreichste Ort der Welt – wir verbrachten dort zwei Tage bei strahlendem Sonnenschein. Nach einem harten Abstieg über 2500 Stufen erreichten wir ein kleines Wunder. Mitten im Dschungel überspannen lebende Wurzelbrücken das Flüsschen, indem lange Luftwurzeln nach und nach zu Laufflächen und Geländern verflochten wurden. Diese geniale Architektur wird eingerahmt von einem kleinen Regenwalddorf mit ein paar Gästezimmern. Ich hatte schon mal Bilder gesehen und seitdem klar war, dass wir Indien durchqueren, wollte ich unbedingt hierhin. Statt Motorgeräuschen Vogelschreie. Ein absoluter Lieblingsort. Der kraftraubende Rückweg wurde belohnt mit dem Blick auf den rekordverdächtigen Nohkalikai-Wasserfall.

Der äußerst hügelige Weg nach Silchar hielt neben weiteren unfassbaren Dschungelkulissen wieder einmal denkwürdige Begegnungen bereit. Auf der Suche nach einem Abendessen wurden wir von einheimischen Männern aufgesammelt. Hep und seine Jungs entpuppten sich als herzensgute Alkoholiker mit eigenem Fast-Food-Laden. Dieser war geschlossen, aber wir durften dort für uns selber kochen, während im Hintergrund der Whisky die Kehlen hinunterfloss. Es tauchten immer mehr fadenscheinige Männer in dem Kämmerchen auf, doch die Stimmung war fröhlich. Erst als der sturzbesoffene Hep darauf bestand, uns die 3 kurvigen Kilometer mit seinen 5 Freunden im Kleinwagen zu unserem Schlafplatz zu fahren, wurde es bedenklich.

Am nächsten Tag wollte es Indien nochmal richtig wissen. Horden von Betelnuss kauenden Einheimischen mit rotverschmierten Mündern begafften uns beim Teetrinken, Magenprobleme, ein Armeelaster kratze beim Überholen meine Schulter, die Selfie-Jäger wurden noch dreister als sonst und dann waren in Silchar alle Unterkünfte ausgebucht. Rinku, den wir zwei Tage zuvor am Wegesrand kennengelernt hatten, rettete uns aber den Abend, organisierte ein Zimmer und kümmerte sich väterlich um uns. Plötzlich schien alles wie umgekrempelt und so können wir auch die Stadt Silchar in guter Erinnerung behalten.

Es folgte ein 10-stündiger Kurvenritt im Jeep-Sammeltaxi nach Imphal, die Räder auf dem Dach. Zu viert auf der Rückbank, Beine eingequetscht… Leid! Dafür hatten wir wieder einen sehr interessanten und fürsorglichen Gastgeber, dessen Mutter leckere und für uns völlig unbekannte Speisen auftischte: gekochter Bananenbaumstamm und fermentierte Sojabohnen. Mittlerweile waren es nur noch 100km bis zur Grenze nach Myanmar. Die Spannung stieg. Die letzte Nacht in Indien schliefen wir in einem unglaublich friedlichen Dorf aus Bambushütten. Alle waren total aufgeregt, weil wir da waren und so saßen wir abends gemeinsam in der Hütte des Dorfoberhaupts und kauten Zuckerrohr.

Wieder ins Rollen kommen

Zurück in Kathmandu und nach dem Abschied von Basti fanden wir Obdach bei der Familie des ebenfalls fahrradbegeisterten Juristen Shree. Auf einem ausgelassenen Volksfest durften wir Zeuge werden, wie seine Ethnie, die Gurung, sich selbst feiern. Mit viel Goldschmuck, lauter Musik und hartem Alkohol. Zuhause bei Shree wurden wir rundum verwöhnt mit Pfannkuchen zum Frühstück, Chowmein (gebratenen Nudeln) und natürlich diversen Variationen von Dal Bhat. Unser Vorschlag, auch einmal etwas für die Familie zu kochen, wurde noch begeistert aufgenommen, aber als eines Abends unsere Kürbissuppe auf dem Tisch stand, löffelten alle auffällig langsam und die beiden Kinder saßen mit gequälten Mienen vor ihren Schüsseln. Wir waren ziemlich unglücklich, auch wenn Shree uns versicherte, dass das deutsche Essen sehr lecker war. Immerhin unsere Energy Balls, die es zum Nachtisch gab, schienen allen zu schmecken.

Nach der langen Radelpause wollten wir Nepal dann aber auch aus der Sattelperspektive kennenlernen. Also verließen wir unsere tolle Gastgeberfamilie, um noch über einige Hügel zu radeln. Der Weg führte uns auf den schmalen, kurvigen P.B. Highway und es dauerte nicht lange, bis tatsächlich in einer Haarnadelkurve vor uns ein umgekippter und grausam mit einem Mikrobus verklumpter Lastwagen lag.

Zum Übernachten hielten wir an einem einsamen Haus mit der Aufschrift „Lake View Hotel“. Es war weit und breit kein „lake“ zu sehen, aber dann erfuhren wir, dass es auch keine Zimmer gibt. Wir durften trotzdem für eine Nacht Teil der Familie werden, mit am Feuer sitzen und kostenlos auf dem Boden des Speisesaals (eine Garage mit zwei Tischen drin) schlafen. Es stellte sich heraus, dass die Familie in Bhutan lebte, ihr Heim dort aber von einer Überschwemmung weggespült wurde. Die Regierung bezahlte eine Entschädigung. Man entschied, trotzdem zum Rest der Familie nach Nepal zurückzukehren und ein Restaurant zu eröffnen. Kurz nach der Einweihung wurden die Unglücklichen gezwungen, den halben Neubau für eine Straßenverbreiterung abzureißen… Diesmal aber ohne Entschädigung. Der Vater und Inhaber wurde im Laufe des Abends immer betrunkener, bis sich sein Wortschatz nur noch auf die beiden Wörter „friendship“ und „happiness“ beschränkte, die er uns abwechselnd entgegenlallte. Auch in den nächsten Tagen trat der Alkohol wiederholt als zweifelhafter Geselle vieler Nepalis auf…


Vom Sindhuli-Pass schlängelte sich die Straße halsbrecherisch bis fast auf Meeresniveau herab und es begann die Fahrt bis zur indischen Grenze durch das nepalesische Tiefland. Flach wie ein Schneidebrett ist dieses und vieles erinnerte uns schon wieder viel mehr an Indien. Hierher verirren sich kaum ausländische Touristen, aber gerade dort begegneten wir wie aus dem Nichts wieder einmal einem Radtourer: Frank aus Sachsen-Anhalt! Wir freuten uns über ein Schwätzchen zwischen interessiert zuschauenden Einheimischen und vorbeibrummenden Lastwagen.


Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die Aura von Orten unterscheiden kann, die nur wenige Kilometer von einander entfernt liegen. Gerade beim Radfahren bekommt man das zu spüren, egal in welchem Land man sich befindet. Wie abschreckend manche Städte und Dörfer wirken, wie trostlos, während in anderen Orten scheinbar alle lächeln, uns zum Tee einladen oder winken und grüßen. Unsere letzte Nacht in Nepal verbrachten wir schließlich auf einer Polizeistation. Ein fünfzehnköpfiges Team von Waldschützern richtete uns dort ein Zimmerchen her, versorgte uns mit Dal Bhat und geriet dann richtig in Feierstimmung. Irgendwann tanzten alle, während der Polizeichef, zufrieden grinsend und sichtlich stolz auf seine Jungs, in der Mitte saß. Ein schöner Abschied von diesem Land, das wir mit seinen fröhlichen und hilfsbereiten Bewohnerinnen und Bewohnern sehr ins Herz geschlossen haben.

Nepal – Ein Hauch von Winter

Als kleines Land zwischen dem großen Indien und dem noch größeren China hat sich Nepal trotz Einflussnahme der beiden Giganten erstaunlich viele Eigenheiten bewahrt. Gleich hinter der Grenze zu Indien wird spürbar, wie sehr sich die beiden Nachbarländer unterscheiden, auch wenn auf den Speisekarten zunächst die gleichen Gerichte zu finden sind und im Fernsehen Filme auf Hindi laufen. Es beginnt mit dem Aussehen der Menschen – auf den sonnen- und windgegerbten Gesichtern der Nepalis liegt meist ein Lächeln. Es ist ein ansteckendes, aufrichtiges und willkommen heißendes Lächeln. Das multi-ethnische Puzzle der Nepalis als ein Volk zu bezeichnen, wäre Quatsch. Aber die Bewohner dieses Landes scheinen einige schöne Charaktereigenschaften zu teilen: Geduldig, ehrlich und bescheiden wirken sie. Was für eine Art Mensch sollte sonst auch heranwachsen in einer Gegend der Welt, in der die Naturgewalten – Berge, Schluchten und Dschungel; Tropenhitze und ewiges Gletschereis – ehrfurchtgebietend sind wie sonst vielleicht nirgendwo.

Uns führte eine elfstündige Busfahrt direkt von der Grenze nach Kathmandu, wo wir Besuch aus Deutschland von Basti erwarteten. Wir verbrachten zuerst einige Tage in der Hauptstadt, die auch als Stadt des Staubs in die Geschichte eingehen könnte. Spätestens nach einem Tag Aufenthalt hustet hier jeder und man versteht, wieso jeder Zweite mit Mundschutz herumläuft. Kathmandu im Dezember ist kein Ort zum Erholen. Wir kamen über Warmshowers beim radelbegeiserten Madhukar und seiner Familie unter, die gemeinsam ein Restaurant betreiben, in dem wir abwechselnd die beiden leckeren nepalesischen Nationalgerichte vorgesetzt bekamen: Momos (gefüllte Teigtaschen, gekocht oder frittiert) und Dal Bhat (Reis mit Linsensuppe und meist zweierlei Gemüse). Warmes Wasser, geschweige denn fließendes Wasser, sind in Nepal keine Selbstverständlichkeit, beheizte Räume gibt es ebenso selten. Dafür sind Stromausfälle an der Tagesordnung. Tägliches Duschen gewöhnt man sich hier schnell ab. Eine Waschmaschine besitzt hier auch so gut wie niemand und so sieht man überall Frauen, die mit den Händen in eiskaltem Wasser bergeweise farbenfrohe Kleidung waschen, die dann auf den Dächern zum Trocknen aufgehängt wird.

Ein so genannter Heritage Ride, den Madhukar mitorganisiert hatte, führte uns gleich in den ersten Tagen samt Rädern durch zahlreiche kleine Dörfer rund um Kathmandu. Los gings mit einem großen Frühstück in einem Hinterhof, wo sich Hunderte von Radfahrern versammelten und bei uns gleich critical-mass-Stimmung aufkam. Wer hätte gedacht, dass wir hier in Nepal auf so viele Radbegeisterte treffen! Die 30 Kilometer, die wir anschließend gemeinsam zurücklegten, hatten es in sich: Es ging natürlich ständig steil bergauf und -ab und die Straßenverhältnisse in Nepal sind nicht die besten… Die schlaglochübersäten Schotterpisten Indiens sind noch ein Witz dagegen. Belohnt wurden wir mit tollen Aussichten auf den Himalaya und vielen netten Gesprächen mit aufgeschlossenen Nepalis. In den Ortschaften wurden wir jeweils von der Dorfbevölkerung mit massenweise gekochten Eiern und Schnaps versorgt und am Ende gab es noch eine Runde Dal Bhat für alle, inklusive Livemusik und Tänzen, denn die Nepalis lieben Feste. Trotz der einfachen Verhältnisse und harten Bedingungen, unter denen hier viele Menschen leben, strahlen sie Fröhlichkeit aus. Die Häuser sind meist bunt bemalt, die Kleidung ist oft bunt gemustert und die Gebetsfahnen, die überall im Wind wehen, leuchten blau, weiß, rot, grün und gelb.

Von Pokhara, der zweitgrößten Stadt Nepals, brachen wir in die Berge auf: Sechs Tage Wandern im Schatten des gewaltigen Annapurna-Massivs. Regelmäßig begegneten uns Nepalis mit unglaublichen Lasten im Gepäck. Sie schleppen große Steine auf ihren Rücken von wer weiß woher, um Treppen in die Berge zu bauen. Sie wuchten ganze Heuballen und Grünzeug über die steilen Terrassenfelder, dass es aussieht wie ein wandelndes Gebüsch. Sie befördern Colaflaschen, Whiskey und Snickers-Packungen in die entlegensten Gipfelhütten, damit die Wanderfreunde es gemütlich haben. Und sie hieven nicht einen oder zwei, sondern drei volle Wanderrucksäcke, aneinandergeschnürt und mit der Stirn gehalten, für ebenjene Wanderfreunde über Berg und Tal. Ihnen gilt unsere tiefe Bewunderung. Wir haben die Rucksäcke selber getragen, jeder “nur” einen. Dabei haben unsere Beine, Schultern und Rücken deutlich zu spüren bekommen, was es bedeutet, damit täglich tausend Meter und mehr hinauf- oder hinabzusteigen.

Die Beliebtheit der Annapurna-Region ist berechtigt: üppige Dschungelszenerien mit Wasserfällen hinterm Bambusdickicht wechseln sich ab mit offenen Terrassenfeldern vor Gipfelausblicken, die einen ganz klein werden lassen. Dazwischen immer wieder verstreute stille Dörfchen. Dennoch hat der Kommerz in den letzten 20 Jahren Einzug gehalten, sodass man fast nie ohne Pizza, Schokoriegel und WLAN auskommen muss. Die gesamte Welt ist anscheinend zu einem Ort der dauernden Verbundenheit geworden. Tatsächliche “Abgeschiedenheit” ist schwer zu finden, Entkopplung – die Nadel im Heuhaufen des Always-on-Zeitalters. Ungeachtet dessen bleiben die simplen Zimmerchen unbeheizt und die Dezembernächte im Himalaya kalt. Und so zelebrierten wir diese Unannehmlichkeit mit viel heißem Tee, zeitigem Schlafengehen und dicken Decken.

 

Der harte Norden Indiens

Nach fast 3 Wochen in Goa verstehen wir all diejenigen, die dort hängengeblieben sind, sehr gut. Trotzdem haben wir den Absprung geschafft und sind nach der längsten Zugfahrt unseres Lebens (40 Stunden) am nächsten Ziel Varanasi angekommen. Die heiligste Stadt der Hindus ist wieder ein ganz anderes Extrem. Oder vielleicht auch das Kondensat der indischen Extreme. Jeder gläubige Hindu sollte dort einmal im Ganges gebadet haben und viele pilgern zum Sterben nach Varanasi, denn wer dort verbrannt wird, dessen Seele durchbricht den ewigen Kreislauf des Wiedergeborenwerdens und geht in das Nirvana ein. Wir radelten morgens vom Bahnhof außerhalb der Stadt mit dem Pendelverkehr Richtung Zentrum. Plötzlich befanden wir uns in einem Strom aus unzähligen einheimischen Radlern und endlich auch Fahrradrikschas! Da kam Euphorie auf, vor allem als unsere Kolonne den sich zäh im Dunst dahinschleppenden Ganges überquerte. Er schien in dieser Stunde aus einem milchigen Nichts zu kommen und auf der anderen Seite in eine andere diffuse Zwischenwelt zu verschwinden.

Spirituelle Assoziationen sind in Varanasi unvermeidbar. Wenn einer auf der Straße nur niest, hält man es unwillkürlich für ein Gebet. Alle haben irgendwie einen Knacks weg. Als wir an einem Tempel vorbeigingen, unterbrach der Tempelwächter kurz seine Zeremonie, um uns erst Marihuana, dann LSD, dann alle möglichen anderen bewusstseinserweiternden Mittel anzubieten. Die meisten Touristen sehen aus wie Woodstock-Besucher. Die meisten Einwohner waschen sich nicht nur mit dem verseuchten Flusswasser, sie trinken es wohl auch. Die erhoffte geistige Reinheit wiegt schwerer als die körperliche Schädigung. Passend dazu meinte unser Bootsruderer über die „mother Ganga“: „Welche Mutter würde ihren Kindern wehtun?“

Das fünfstöckige Shanti Guest House hat seine Glanzzeit hinter sich (falls es mal eine hatte). Wir waren die einzigen Gäste, die Affen randalierten auf dem Dach, schmissen Stühle um, hatten Freude daran, über das Wellblech zu scheppern und paarten sich nebenbei. Dennoch war das „Terassencafé“ offiziell geöffnet und ein, zwei als Personal schwer identifizierbare Inder waren stets bereit für Kundschaft. In einer Gasse unweit des Uferabschnitts für Leichenverbrennungen aßen wir morgens zwischen Einäscherungs-Arbeitern und anderen Schattengestalten. Am Flussufer wurde regelmäßig unter lauten Rufen eine Bahre mit einem bunt eingewickelten Etwas in Form und Größe eines menschlichen Körpers vorbeigetragen. Leben und Tod begegnen sich hier in eindringlicher Alltäglichkeit. Das Normale daran ist das Bizarre. Bei der Abreise aus Varanasi waren wir sicher, dass die vergangenen Tage uns noch lange beschäftigen würden.

Unser nächster Aufenthaltsort war dann ungeplanter Weise Gorakhpur. Dort landet man eigentlich nur, um z.B. nach Nepal umzusteigen, bleiben will man da aber nicht. Gorakhpur, diese schockierend dreckige Provinzstadt besticht durch den angeblich längsten Bahnsteig der Welt und ein kaum entwirrbares, schmerzhaft lärmendes Gemenge aus klapprigen Reisebussen, Großraumtaxis und elenden Menschen und Tieren. Gorakhpur verzehrt Lebensenergie wie ein Hochofen. Aufenthalte in Gorakhpur könnten äußerst effektiv als Foltermethode eingesetzt werden. Wir blieben zwei Tage, in einem Zimmer in Hörweite der stets gleichen, schrillen Bahnhofsdurchsagen. Veronika krank im Bett und ich auf der Suche nach Medikamenten, leicht verdaulicher Nahrung und innerem Frieden. Die ersten beiden waren leicht zu finden… Nach den zwei Tagen wollte ich nur noch weg, aber auch die Flucht war verflucht. Busse zum Platzen vollgestopft, am Bahnhof lauerten die stumpfe Gepäck-Bürokratie und unvorhersehbare Verzögerungen jeder Art. Letztendlich schafften wir es doch irgendwie zur nepalesischen Grenze.

Aber gerade durch die Torturen wollen wir der Gorakhpur-Episode das Prädikat wertvoll verleihen. Sie erinnerte uns daran, wie wichtig es ist, sich in Momenten der Gereiztheit gegenseitig aufzubauen und so die Gesamtatmosphäre zu harmonisieren. Die eigene Stimmung und Einstellung gegenüber der Umwelt hat so großen Einfluss darauf, was als nächstes passiert… In Gorakhpur hatten wir beide abwechselnd Momente, in denen wir das gesamte Land verfluchten und in solchen Augenblicken ist auch die Gefahr groß, sarkastisch oder überheblich zu werden. Gerade dann war es gut, wenn zumindest eine/r von uns beiden positiv bleiben und die Gelassenheit aufbringen konnte, weiterhin freundlich zu reagieren, wenn das nächste Klebstoff schnüffelnde Mädchen zum Betteln ankam, der nächste Taxifahrer uns eine Fahrt andrehen wollte, die wir einfach nicht benötigten, der nächste Bahnmitarbeiter uns erklärte, dass wir angeblich extra für das „Verpacken“ unserer Räder bezahlen müssten.

Im Aussteiger-Paradies: Goa

Nach ein paar Radeltagen und einer 9-stündigen Zugfahrt erreichten wir schließlich Goa. Zugfahren in Indien ist auch ein Abenteuer für sich. Zuerst wurde uns gesagt, dass wir die Fahrräder nur eventuell mitnehmen könnten. Nachdem wir Unmengen an Formularen ausgefüllt hatten, die anschließend noch einmal von einer Bahnmitarbeiterin feinsäuberlich in ein riesiges Buch und eine Art Gepäckschein für uns übertragen wurden, schien die Fahrradmitnahme kein Problem mehr zu sein. Wir sollten die Räder in ein extra Gepäckabteil stellen, aus dem erst einmal Dutzende Menschen purzelten, die es sich dort übereinandergestapelt gemütlich gemacht hatten – kein Wunder, denn die Waggons für Passagiere waren gnadenlos vollgequetscht. Über die Taschen und Menschen in den Gängen hinweg liefen außerdem ständig Händler, die alles Mögliche an Essen und Trinken anzubieten hatten und ständig wiederholend durch den Zug riefen: Bananen, Samosas, Chapatis, Vada Pav, Salate, Chips, Süßigkeiten und natürlich immer wieder Chai Chai Chai… Langweilig wurde uns in den 9 Stunden jedenfalls nicht.


In Goa eröffnete sich uns dann nochmal eine ganz andere Seite von Indien. Während wir bisher ausschließlich mit Einheimischen in Kontakt getreten waren, trafen wir in Arambol mit einem Mal auf lauter andere Reisende aus aller Welt. Goa wird seinem Ruf als Hippie-Hochburg und Aussteiger-Paradies auf jeden Fall gerecht. Für ein paar Tage blieben wir einfach in einem Hostel direkt am Strand, halfen Morgan aus England ein bisschen bei Aufräumarbeiten für sein in Kürze eröffnendes Restaurant, ließen uns zusammen mit Markus aus Plauen auf eine schamanische Schwitzhütte ein, gingen schwimmen und besuchten den im Wald wohnenden Baba.


Die lange Suche nach einem Ort, an dem wir eine Weile bleiben und für freie Kost und Logis mitarbeiten können, fand in Goa auch ein glückliches Ende: Für 10 Tage, die wie im Flug vergingen, unterstützten wir Dee und Zora im Eco-Café Saraya zusammen mit anderen volunteers aus Spanien, Italien, Brasilien, Guatemala, China und Indien. Der Ort ist ein irres Gemisch aus Bambus-Lehm-Baumhäusern, einem tropischen Garten und einem experimentell umgebauten Kolonialhaus. Fast alles ist noch etwas unfertig und wartet auf anpackende Hände. Also genau das, was wir gesucht hatten! Zufälligerweise fand zur Zeit unseres Aufenthaltes gerade ein Permakultur-Kurs statt, den wir jederzeit besuchen durften, wenn wir gerade frei hatten. So halfen wir abwechselnd in der Küche, im Garten, der zur Permakultur-Farm werden sollte, oder im Café mit. Jetzt wissen wir, wie Amaranth wächst, wie ein ordentlicher Komposthaufen aussehen sollte und wie Chapatis richtig gemacht werden.

Kursleiter Christoff bereicherte seine Lektionen über die vielen Vorzüge von Permakultur und die Bedeutung von Regenwürmern mit allmorgendlichen meditativen Yogastunden („Stellt euch die Frage: Wer bin ich? Und erwartet keine rationale Antwort“) und Gesprächskreisen. Die Begegnung mit den spirituellen Seiten des Lebens ist in Goa unausweichlich. Fast alle hier hatten schon Meditationskurse durchgemacht oder andere Wege zur Erleuchtung ausprobiert. Je mehr wir darüber hörten, desto reizvoller wurde es, uns selbst für eine 10-tägige Vipassana-Meditation anzumelden…