In der Transsibirischen Eisenbahn gen Heimat

Als wir vor mittlerweile zehn Monaten in Deutschland aufgebrochen sind, wussten wir nicht, wie lange diese Reise dauern würde, wohin sie uns überall verschlagen würde und auch nicht, wie wir eigentlich wieder zurückkommen. Wir waren immer weiter Richtung Osten gezogen, hatten uns also immer weiter von zuhause entfernt und hatten in Peking schließlich den östlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Irgendwann unterwegs war uns die Idee mit der Transsibirischen Eisenbahn gekommen. Die Option also, eine Runde bis zurück nach Deutschland zu drehen, ohne nochmal zu fliegen (und ohne ein weiteres Jahr unterwegs zu sein). Das alles war jedoch mehr ein ferner Traum als ein ernstzunehmender Plan. So viele Unwägbarkeiten dazwischen! Doch es ging immer weiter und weiter, alle Unmöglichkeiten, die uns prophezeit worden waren, hatten sich als durchaus möglich und machbar erwiesen. (In Indien radeln – seid ihr wahnsinnig, bei dem tödlichen Verkehr? Iran – verschleiert unter Terroristen? Myanmar – unpassierbare Wege! China – viel zu kompliziert, fernab des Heimatlandes ein Visum zu bekommen…)

Als wir in Ulan Bator in die Transsibirische Eisenbahn stiegen, konnten wir deshalb selbst kaum glauben, dass dies nun tatsächlich wahr geworden war. Vor uns lagen vier Tage im Zug – ein Traum! Den ersten Nachmittag saßen wir einfach da, schauten aus dem Fenster, tranken Bier und stießen auf diese uns selbst unglaublich erscheinende Reise an, auf deren Rückweg wir uns jetzt befanden. Draußen zog die mongolische Steppe an uns vorbei, wir winkten den letzten Jurten und Pferden hinterher, bevor es nachts über die Grenze nach Russland ging. Am zweiten Tag erreichten wir den zum Teil noch zugefrorenen Baikalsee, an dem wir mehrere Stunden entlangfuhren und unsere Blicke kaum abwenden konnten, so schön war der Anblick. Entgegen unserer Erwartung war der Teil Sibiriens, durch den wir fuhren, gar kein unbewohntes Niemandsland. Regelmäßig tauchten kleine Siedlungen auf, die jedoch überwiegend aus ärmlichen Bretterverschlägen bestanden. Abgesehen davon pendelte sich die Landschaft allmählich auf den immer gleichen Zustand ein: ein ewiger Birkenwald.

Merkwürdigerweise blieb der Zug fast leer, sodass wir ein ganzes Viererabteil für uns hatten. Die Mitreisenden hatten wir dadurch irgendwann auch vollständig kennengelernt: Unsere direkten Nachbarn waren drei mongolische Punks mit Gesichtspiercings und -tätowierungen sowie ein mongolischer Uni-Professor, der gerne Mundharmonika spielte und uns immer wieder die Namen seiner ehemaligen Kommilitonen aus der DDR vorsagte. Dann gab es noch zwei junge Russinnen aus Novosibirsk, die ernsthaft tagelang in High Heels und Röhrenjeans im Zug saßen, sowie ein Backpacker-Pärchen aus Frankreich und den Niederlanden. Die einzigen, die das ausgestorbene Bordrestaurant besuchten, waren zwei ziemlich nette und lustige amerikanische Pärchen aus der ersten Klasse. Und dann gab es noch Petra und Simon aus der Schweiz, die wie wir von einer langen Reise zurückkehrten und mit denen wir einige Reise-Erlebnisse austauschten.

Die Heimat rückte spürbar immer näher. Wenn der Blick aus dem Fenster auf Einheimische fiel, sahen die plötzlich wieder aus wie wir! Im Supermarkt gab es dunkles Brot, Wurst und Käse zu kaufen. Die Landschaft erinnerte zum Teil sehr an zuhause. Kurz hinter Jekaterinburg, in unmittelbarer Nähe des Ural-Gebirges, passierten wir schließlich die geographische Grenze zwischen Asien und Europa. Zwischendurch hielt der Zug immer mal wieder für 15 bis 30 Minuten an und wir konnten uns auf dem Bahnsteig die Füße vertreten oder schnell Proviant nachkaufen. Wir brachten es tatsächlich fertig, einmal fast die Weiterfahrt zu verpassen, weil wir vor lauter Sicherheitskontrollen und Gleisverwirrung erst eine Minute vor Abfahrt angerannt kamen, als die Türen sich bereits schlossen. Unsere Abteil-Chefin war zuerst richtig sauer auf uns, dann einfach erleichtert, dass wir es doch gerade noch geschafft hatten.

Nach vier maximal entspannten Tagen im Zug waren wir bei der Ankunft in Moskau dann auch froh, uns wieder an der frischen Luft bewegen zu können. Wir schwangen uns direkt auf die Räder, fuhren in einen riesigen Stadtpark und schlugen unser Zelt in einem offiziellen CAMPING-PLATZ auf. Das gab’s auch schon lange nicht mehr… Und die Luft roch nach deutschem Frühling! Moskau überraschte uns neben einer erwarteten Portion Monumentalität mit vielen architektonisch schönen Gebäuden. Den einen Tag in der Hauptstadt, den uns das Transit-Visum gestattete, verbrachten wir mit den touristischen Highlights: Roter Platz, Kreml, follow the Moskwa down to Gorki-Park. Danach ging’s direkt weiter nach Kiew. Im Bus beobachteten wir unsere Sitznachbarin dabei, wie sie die Fahrt mit einem Bier eröffnete, auf das sogleich ein zweites folgte. Wenig später wurde die Martini-Flasche ausgepackt und im Laufe der Nacht geleert.

Nochmal in die Ukraine zu kommen, hatten wir eigentlich nicht vorgehabt. Wir wollten stattdessen über Weißrussland zurückfahren, aber das Visum hätte Zeit, Geld und Nerven gekostet und so entschieden wir uns letztlich doch dazu, der Ukraine noch eine Chance zu geben. So kam es tatsächlich zu einer späten Aussöhnung mit dem Land, das uns zu Beginn der Reise eher abweisend erschienen war. In Kiew hatten wir sehr nette Gastgeber: Bogdan, sein Bruder Jaroslav und seine Freundin Olga kümmerten sich ausgiebig um uns, obwohl sie selbst allerhand zu tun hatten. Und alle Menschen, die wir sonst so trafen, sprachen Englisch, waren total offen, hilfsbereit und interessiert. Die ukrainische Hauptstadt ist außerdem unglaublich lebendig und steckt voller entdeckungswürdiger Ecken.

Jaroslav führte uns natürlich unter anderem auf den Maidan, wo er vor einigen Jahren an den Demonstrationen teilgenommen hatte, bevor er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte. Und Bogdan erzählte uns vom nicht weit entfernten Tschernobyl, das er als Kernphysiker gelegentlich beruflich besuchen muss. Zwar sind alle Reaktoren mittlerweile (erst seit 2008!) stillgelegt, aber dennoch müssen die Anlagen noch Jahre später gepflegt werden. Hier in Kiew fühlten wir uns nun der Heimat wirklich schon sehr nahe und langsam gesellte sich zur Vorfreude auf Zuhause auch ein mulmiges Gefühl. Wie wird das wohl werden, nach so langer Zeit zurückzukehren?

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Wüste, Steppe und Schnee: Von China in die Mongolei

Es schien, als wollte eine höhere Macht uns von der Ausreise aus China abhalten. Nachdem wir Zhangjiakou mit leichter Verspätung verlassen hatten, bemerkte ich hinter Ulanqab, dass der Bus anstatt wie vorgesehen nach Norden abzubiegen, weiter Richtung Westen fuhr. Verunsicherung, Verwirrung, Resignation. Es wurde klar, dass dieses Fahrzeug nach HohHOT, und nicht nach ErenHOT unterwegs war. Wir hatten falsche Fahrkarten verkauft bekommen und mussten uns damit abfinden, dort zu übernachten mit der Aussicht auf eine weitere ebenso lange Busfahrt tags darauf. Immerhin hatten wir nun Tickets für eine Verbindung bis über die Grenze, deren Überquerung per Rad verboten ist. Aber es kam wieder anders. Nach ca. einer Stunde hielt der spärlich besetzte Bus mitten in den Bergen und alle sollten aussteigen und ihr Gepäck prüfen. Eine deutschsprechende Mongolin erklärte uns, das wohl ein Gepäckstück während der Fahrt herausgefallen sei. Wie bizarr soll das noch werden? Ein junger Kerl mit Hut bemerkte die Abwesenheit seines Rollköfferchens, woraufhin der Bus mit Passagieren begann, den Berg im Schritttempo rückwärts wieder herunterzufahren. Das verlorene Gepäck tauchte nicht auf. Eine weitere Pause folgte, Diskussionen, die Verständigung der Polizei, die Erkenntnis, dass es für den Grenzübergang zu spät würde. Nach einer Stunde hielt ein anderer Bus und alle stiegen um. Nur wir nicht… es war kein Platz für unsere Fahrräder! Eine weitere kleine Ewigkeit verstrich, bis irgendein Bus auch uns mitnahm. Am frühen Abend erreichten wir den Grenzort und verbrachten unseren dritten und diesmal tatsächlich letzten Abend in China.

Tags darauf gegen Mittag hatten wir es nach einer weiteren Busfahrt und mehrmaligem Ein-und Ausladen der Räder geschafft, China zu verlassen und standen erleichtert auf mongolischem Boden. Wir trafen beim Grenzübergang die junge Tibeterin Kiki, die zusammen mit uns Karten für den Zug in die Hauptstadt kaufte und verbrachten den Nachmittag gemeinsam im nächsten Café. Auf dem Weg zum Zug rief uns jemand hinterher. Es war der Unglücksrabe vom Vortag mit dem verlorenen Koffer! Das Teil voller neuer Klamotten war verschwunden geblieben. Aber wir hatten einen lustigen Abend mit ihm und Kiki in unserem kuscheligen Zugabteil.

Die blanke Schönheit der Wüste Gobi entfaltete sich im dunstigen Sonnenschein jenseits des Fensters. Flache, pastellfarbene Unendlichkeit, ab und zu eine kleine Kamelherde oder eine einsame Jurte, umgeben von grasig-sandigem Nichts. Unser Kumpel gab bekannt, dass es in Ulaan Baatar wohl schneite. Kaum zu glauben, bei dem warmen sonnigen Nachmittag an der Grenze. Im Waggon wurde es zunehmend kühler und wenn der Zug hielt, war das Fauchen des Windes zu hören. Als ich nachts um drei auf Toilette ging, war im Eingangsbereich des Waggons eine Bahnmitarbeiterin mit dem Kohleofen beschäftigt. Um sie herum waren Schneeverwehungen verteilt und sie war in eine dicke Jacke mit Kapuze eingepackt. Ich packte meinen Schlafsack aus, starrte aus dem Fenster auf wirbelnden Schnee und musste an Stefan und Lio denken, die vorhatten, da durchzuradeln und irgendwo in der Wüste zu zelten.

Am nächsten Morgen erreichten wir die mongolische Hauptstadt, in der die Hälfte der gesamten mongolischen Bevölkerung lebt – etwa 1,2 Millionen Menschen. Wir radelten direkt ins Zentrum, das vom weitläufigen Dschingis-Khan-Platz bestimmt wird. Eine riesige Statue des mongolischen Herrschers und Nationalhelden befindet sich dort vor dem Parlamentsgebäude. Im Jahr 1206 gründete er das Mongolenreich, das unter der Herrschaft seiner Nachfolger eine unglaubliche Größe erlangte und bis nach Ungarn reichte. Bis heute wird er in der Mongolei verehrt, was sich direkt an unserem Gastgeber Begzsuren zeigte, der einen ungewöhnlichen Haarschnitt im „Dschingis Khan style“ trug. Nach dem mongolischen Großreich begann allerdings eine lange Periode, in der die Mongolei von den beiden mächtigen Nachbarn Russland und China fremdbestimmt wurde. Erst nach Auflösung der Sowjetunion setzten Demokratie und Eigenständigkeit sich durch.

Unsere Gastgeber, Bege und Soyo, hießen uns in ihrer Jurte im Norden der Stadt willkommen, wo viele Familien noch die traditionelle mongolische Unterkunft einem Appartement vorziehen. Vor wenigen Jahren hatten die beiden auch noch Kühe, bis die Regierung das Halten von Vieh in der Stadt verbot. Fließend Wasser gab es keines, dafür stand zu unserer Überraschung ein Fernseher im Zelt. Abends wurde es kuschelig, als wir zu neunt unser Schlaflager am Boden herrichteten: Neben Bege, Soyo, ihren drei Kindern und uns breiten in der ersten Nacht auch noch zwei Backpacker ihre Schlafsäcke aus.

Zu unserem Glück war die jüngste Tochter von Bege und Soyo Vegetarierin und die Familie mit vegetarischer Kost vertraut – was in der Mongolei sehr untypisch ist. Die mongolische Küche besteht quasi nur aus Fleisch. Was allerdings sogar für uns verständlich ist, denn hier wächst so gut wie kein Obst und sehr wenig Gemüse. Das Land setzt sich ja nur aus Steppe und Wüste zusammen. Im Grunde gibt es traditionell zu jeder mongolischen Mahlzeit Hammelfleisch. Soyo bereitete aber einige typisch mongolische Gerichte in vegetarischer Abwandlung für uns zu, worüber wir uns sehr freuten. So konnten wir zum Beispiel Khushuur, mongolische Teigtaschen, probieren.

Zum Wasserholen musste regelmäßig ein Familienmitglied mit zwei riesigen Kanistern losziehen, um an der Wasserstelle die Vorräte aufzufüllen. Zum Duschen nutzt die Familie an den Wochenenden das Badezimmer von Verwandten, die in der Innenstadt wohnen. Trotz dieser einfachen Verhältnisse in der Jurte führte die Familie ein ganz ‚normales‘, modernes Großstadtleben: Die Kinder schauten Youtube-Videos auf dem Laptop an, wenn sie nicht in der Schule waren und Soyo bereitete morgens Protein-Shakes zum Frühstück vor. Abergläubisch sind sie aber, die Mongolen. Vor wichtigen Entscheidungen frage sie ihre Großmutter um Rat, erzählte Soyo, weil die eine Art Wahrsagerin sei und die Zukunft voraussagen könne. Neben dem Buddhismus, zu dem sich die Mehrheit der Mongolen bekennt, ist auch der Schamanismus verbreitet.

An den ersten beiden Tagen in Ulaan Baatar schien die Sonne und wir wurden Zeugen des wolkenlosen blauen Himmels, auf den die Mongolei mit ihren überdurchschnittlich vielen Sonnentagen so stolz ist. Danach schlug das Wetter allerdings nochmal um. Eric war gerade zu einem zweitägigen kleinen Fahrradausflug in die Umgebung aufgebrochen und kehrte mit langen Eiszapfen am Bart von einer eisigen Nacht im Schnee zurück. In der Jurte war es zum Glück dank der isolierenden dicken Filzschicht und dank des Ofens, der in jeder Jurtenmitte steht, schön warm. Den letzten Tag vor unserer Abfahrt verbrachten wir schließlich in einer Unterkunft im Stadtzentrum, um uns selbst und ein paar Kleidungsstücke noch einmal zu waschen, bevor wir die längste Zugfahrt unseres Lebens antreten würden…

China – Land der Fakes

Nun sind wir zehntausend Kilometer geradelt! An der Grenze: Nach anfänglicher Verwirrung über unser Herkunftsland bat uns eine Automatenstimme auf Deutsch um unsere Fingerabdrücke. Willkommen im High-Tech-Land China. Überraschenderweise mussten wir weder unsere Essensvorräte abgeben noch unsere Kamerabilder zeigen, was anscheinend bei der Einreise nach China nicht unüblich ist. Der Überwachungsstaat würde sich aber später noch oft genug bemerkbar machen… Zuerst boten sich uns die altbekannten Szenerien mit durch Reisfelder pflügenden Wasserbüffeln bzw. ihren laut tuckernden, Rauch spuckenden Kollegen.

Xingping, die erste nennenswerte chinesische Stadt, gab uns sofort die volle Portion. In der Fußgängerzone sangen die Karaoke-Künstler vor Boxentürmen und Großleinwänden um die Wette, sodass immer mindestens drei von ihnen gleichzeitig zu hören waren. Dahinter reihten sich die Geschäfte für Bekleidung und Kram aller Art, aus denen junge Frauen – wiederum mit Mikrofon – die Sonderangebote um die Wette herausschrien. Der Überfluss an billigen Konsumgütern ist mal wieder betäubend. Zwischendrin stießen wir auf Gymnastikgruppen und Snackstände: frittierter schwarzer „stinky“ Tofu, gegrillte Hühnerfüße, Tausendfüßler und Skorpione, gebackene Würfelchen mit süßer Bohnenfüllung, Nudelsuppe, Reiskuchen, bubble tea, chinesische Crêpes, Klebreis mit Joghurt, süß-sauer eingelegtes Gemüse, frittierte Teigstücke mit Sojamilch und vieles mehr. Versorgungstechnisch braucht man sich jedenfalls auch als Vegetarier/in in China überhaupt keine Sorgen zu machen. Das Essensangebot ist unglaublich vielfältig, lecker und hat mit chinesischen Restaurants in Deutschland rein gar nichts zu tun.

Was sofort auffällt: Chinesen bezahlen überall per QR-Code mit dem Smartphone. Selbst im kleinsten Dorf in der Suppenbude und auch die Ananas vom Straßenstand. Sogar Bettler haben angeblich QR-Codes, wurde uns erzählt… Abgesehen davon, dass man in China nirgends Bettler geschweige denn schmuddelige Ecken in Städten sieht, glauben wir das sofort. Ohne Smartphone ist ein Überleben in China jedenfalls nicht möglich. Wenn man jemanden nach dem Weg fragt, tippt er oder sie sofort auf dem Smartphone herum und sucht in einer Karten-App. Wenn man nach der Zubereitung eines Gerichts fragt, wird sofort ein Video aufgerufen, das die Herstellung erklärt. Gelegentlich haben wir uns gefragt, ob die Menschen so nicht irgendwann ganz aufhören, selbstständig zu denken… Aber vielleicht sind die Chinesen uns auch einfach einen Schritt voraus.

Kommunikation ist für uns leider nur Dank Google Translator möglich. Whats-App, Facebook, Google und viele weitere Webseiten sind gesperrt und kann man nur nutzen, wenn man sich vorher einen VPN heruntergeladen hat. Wenn Chines/innen über WeChat (das legale Pendant zu WhatsApp) kommunizieren, verwenden sie Codewörter für Marihuana oder andere von der Regierung nicht gern gelesene Dinge.
Den lärmenden Shoppingmeilen gegenüber steht die fast meditative Stille des Straßenverkehrs. Sogar in der Viermillionenstadt Nanning. Fast alle Motorroller sind elektrisch und auch viele der Autos. Wenn es an einer Hauptstraßenkreuzung grün wird und sich alles gesittet in Bewegung setzt, hat der westliche Besucher das verstörende Gefühl, dass etwas fehlt: die Tonspur zum Bild. Was für ein stechender Kontrast zu Krachsümpfen wie Hanoi. Kompakte, kastenförmige dreirädrige Taxis, ovale Zweimann-Kapseln auf Rädern und andere platzsparende Vehikel summen zusammen mit dicken chinesischen SUVs über den Asphalt. Was für uns traumhaft ist, sind die breiten Seitenstreifen für Roller- und Fahrradfahrer/innen, die es in jeder größeren Stadt gibt. In China hat alles seine Ordnung. Auf Plakaten liest man auch ständig die Schlüsselwörter der chinesischen Gesellschaft: „civilized“ und „harmony“.

Von der Idee einer schönen Wohnumgebung halten die Chinesen allerdings nichts. Waren in Vietnam noch fast alle Häuser ausladend mit Reliefs verziert, bestehen hier die Dörfer aus Reihen von abweisenden, zweistöckigen Zementklötzen. Große Stahltore, vergitterte Fenster, graue Fassaden, zubetonierte Höfe, mit mehr oder weniger Unrat gefüllt. Unsere erste Assoziation zu den Häusern in der Region Guangxi war: Die Menschen leben in Bunkern. Man sieht auch kaum Bewohner/innen in den Ortschaften, vor allem überhaupt keine Kinder, da die vermutlich den ganzen Tag in der Schule verbringen. Während sich in Südostasien das Leben sichtbar auf den Straßen abspielte, passiert hier anscheinend alles hinter verschlossener Tür. Die ersten drei Tage fuhren wir quasi durch, ohne mit irgendjemand in Kontakt zu treten. Das war uns seit der Ukraine eigentlich nicht mehr passiert. Allerdings wurden wir ständig gefilmt. Chines/innen halten generell erstmal die Handykamera auf alles, was irgendwie interessant erscheint. Es kursieren jetzt also zahlreiche Filme über uns in China zu spannenden Themen wie „ Ausländische Radfahrerin steht am Straßenrand und wartet“ oder „Ausländischer Radfahrer putzt sich die Nase“.

Landschaftlich und zum Glück auch menschlich aufregender wurde es in der Gegend um Yangshuo. Dort trafen wir zum ersten Mal auch einheimische Radreisende und erfuhren, dass die Strecke von Chengdu nach Lhasa in Tibet bei chinesischen Radfahrer/innen sehr beliebt ist. Unterwegs wurden wir nun häufig mit Wasserflaschen beschenkt und eines Mittags rannte uns ein Mann mit zwei Dosen gekühltem Bier hinterher und rief aufgeregt: „I buy beer for you!“. Die endlosen Reisfelder und Orangenplantagen (auf denen übrigens fast immer jemand damit beschäftigt war, zu spritzen) wurden von einer spektakulären Felslandschaft abgelöst. In Yangshuo kamen wir bei Laura unter, die in Wirklichkeit natürlich einen komplizierten chinesischen Namen hat, aber fast alle Chines/innen haben einen englischen Spitznamen. Sie arbeitet dort in einem „Homestay“, der in Wirklichkeit ein sehr teures Hotel ist. Wir durften kostenlos auf einer wunderschönen wilden Lichtung ein paar hundert Meter abseits zelten, ganz abgeschieden inmitten von Felsen und Wald, inklusive nächtlichem Gewitter und Regenguss.

Auf dem Weg dorthin kamen wir zufälligerweise an einem Dorf vorbei, das als „ancient chinese village“ ausgeschildert war. Beim Betreten wurde jedoch sofort klar, dass hier ganz und gar nichts alt war und schon gar nichts authentisch. Hier war offensichtlich eine Siedlung im alten Stil für Touristen neu gebaut worden. Dazu passend liefen überall Männer und Frauen einer angeblichen ethnischen Minderheit in traditionellen Gewändern herum, die mechanisch „hello“ sagten, wenn wir ihnen begegneten. In der Dorfmitte prangte ein riesiges Toilettenhaus. Als wir zwischen den Häusern herumliefen, die traditionelle Handwerkstechniken vorstellten, waren weit und breit keine anderen Besucher zu sehen. Als wir dann jedoch in ein größeres Gebäude kamen, das sich als eine Art Museumsshop herausstellte, gerieten wir plötzlich in eine Menschenmasse, die sich an unzähligen Snack- und Souvenir-Ständen vorbeischob. Der Höhepunkt war offensichtlich ein Stand, der Fotos von Besuchern in traditionellem Stammeskostüm anbot. Hier hatte sich eine endlose Schlange an chinesischen Touristen gebildet, die sich lautstark und rücksichtslos aneinander vorbeidrängelten. Wir suchten verstört das Weite, was gar nicht so einfach war, denn die Verkaufshalle zog sich ewig hin und es gab nur einen Weg nach draußen, der unbedingt einzuhalten war, sonst schritt sofort das Personal ein.

In Guilin, das für seine Karstlandschaft berühmt ist und auch zum Weltkulturerbe erklärt wurde, verbrachten wir ein paar sehr schöne Tage bei der vor Energie sprühenden Niu Niu und ihrem Mann. Die beiden teilen sich mit einem anderen Pärchen eine Wohnung und wir durften kurioserweise in einem Zelt im Wohnzimmer übernachten. Am ersten Abend wurden wir gleich zum Essen mit Freunden eingeladen, das im Lauf der geleerten Bierflaschen immer lustiger wurde. Die manchmal kindische Art und der ganz andere Humor der Chines/innen können ziemlich befreiend sein. Manche Äußerungen sind auch einfach so abwegig, dass man nur darüber lachen kann. Als ich meinen Tischnachbarn, der für ein Jahr in Deutschland studiert hatte, nach seinem Studienfach fragte, meinte er allen Ernstes, dass er sich nicht mehr erinnern könne, es sei zu lange her. Nachts spielten wir bei Niu Niu abwechselnd das chinesische Spiel Mahjong oder unser mitgebrachtes Bohnanza und am letzten Tag kochten wir alle zusammen ein chinesisch-deutsch-internationales Festmahl.

Von Guilin hatten wir einen Zug nach Peking gebucht. Die Fahrradmitnahme ist in chinesischen Zügen generell verboten, sodass wir die Räder gesondert verschicken mussten. Uns selbst einzuchecken war allerdings auch umständlicher als wir es jemals erlebt haben. Wir mussten durch drei Sicherheitskontrollen und insgesamt an die fünf Mal unser Zugticket zeigen. Beim Durchleuchten unseres Gepäcks wurden unsere Messer aufgespürt und sofort Beweisfotos von unseren Pässen neben den Messern gemacht. Die Messer müssten wir abgeben, wurde uns erklärt. Glücklicherweise hatten sie unser bestes Messer, das wir in Vietnam geschenkt bekommen hatten, nicht entdeckt… In Peking trafen wir – nun zum dritten Mal – Stefan und Lio wieder und übernachteten alle zusammen auf den Sofas eines selbstverwalteten Kulturzentrums mit angeschlossener Bibliothek und wechselnden Veranstaltungen. Auch wenn im „706 youth space“ ein ständiges Kommen und Gehen herrschte und wir mitten im Durchgangsbereich schliefen, fühlten wir uns dort für ein paar Tage sehr wohl. Trotz seiner 21,5 Millionen Einwohner ist Peking eine wohlgeordnete, saubere und überraschend grüne Stadt. Vom berüchtigten Smog in der Stadt bekamen wir gar nichts mit, da wir anscheinend eine ganz untypische Schönwetterperiode mit strahlendem Sonnenschein, klarer Sicht und blühenden Parks erwischt hatten. Von der Hauptstadt aus sollte es dann zu viert weiter Richtung Norden gehen.

Wir wollten natürlich um jeden Preis die Chinesische Mauer besteigen, am besten an einer Stelle ohne diese störenden Touristen! Die Recherche über eine solche zugängliche Stelle führte zu einem gewissen Mister Chen, der sich im Internet als Schlüsselperson für Übernachtungen auf Teilen der „wilden“, nicht restaurierten Mauer anpreist. Zunächst querte unser Weg aber den meistbesuchten und aufwendig hergerichteten Zugang bei Badaling. Wir kommen nicht drum herum, China den Beinamen „Land der Fakes“ zu geben. Auch an der Chinesischen Mauer wurde so enthusiastisch restauriert, dass nicht sicher zu sagen war, ob mehr originale Steine im Wachturm oder im Toilettenhaus stecken. Trotzdem: beeindruckender Anblick.

Nach einer Zeltnacht in einem netten Gebüsch zwischen Ahnengräbern und einer Großbaustelle folgte das Fiasko. Wir steuerten geradewegs auf die vermutete Mauerstelle zu, in der Hoffnung Fahrräder und Gepäck irgendwo verstecken zu können und ganz ohne Mr. Chens Zutun unsere Wanderung über die große Mauer anzutreten. Kaum aus dem Ort, stoppte uns ein Autofahrer mit verdächtiger roter Armbinde. Von Lio und Stefan wussten wir, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte, denn die Armbindenträger spielen sich gerne als Dorfsheriff auf. Der Ordnungshüter machte uns eindrücklich klar, dass Wanderungen verboten wären. Angeblich wäre Waldbrandsaison. Somit war unser Plan des unauffälligen Einschleichens geplatzt. Wir beschlossen, uns dann doch an diesen ominösen Mr. Chen zu wenden, über den wir inzwischen die wildesten Theorien gesponnen hatten. Auf dem Rückweg ins Dorf schienen plötzlich alle diese verflixten Armbinden zu tragen. Selbst der kleine Junge und die Omi da am Straßenrand. Mr. Chen war schnell ausfindig gemacht worden, in Person seiner Frau, die uns wohl auch einen Führer organisieren könnte, denn alleine zu gehen sei absolut verboten, aber mit Führer wäre es wohl doch möglich. Als wir sagten, dass wir gerne den Führer hätten, aber nur vielleicht bei ihr übernachten würden, schmiss sie uns ohne ein weiteres Wort aus ihrem Hof. Draußen wartete schon die Armbinden-Division, die nun auch fuchsteufelswild wurde, als wir wieder in Richtung Mauer steuerten. Aber wir suchten diesmal nur noch eine Stelle für ein Protest-Picknick zur Besprechung des weiteren Vorgehens.

Kaum saßen wir, kamen zwei chinesische Wanderer, eindeutig mit Schlafsäcken bestückt, den Pfad herabgeschlendert. Wie interessant! Es stellte sich heraus, dass sie zwei Tage auf der Mauer wandern waren und auch oben übernachtet hatten. Selbstverständlich hatten sie keinen Führer. Wir waren sprachlos. Nach einer Weile bekamen wir uns aber wieder in den Griff. Es war noch recht früh und die Mauer ist lang. Mittlerweile wollten wir nur noch da rauf, um diesen Kontrollfanatikern mit ihren Sinnlosregeln eins auszuwischen. Die nächste Gelegenheit bot sich an einem Pass im nächsten Seitental Richtung Westen. Wir brachten nochmal 400 Höhenmeter hinter uns und erblickten wieder den steinernen, sich kühn über die Hügelketten windenden Grenzbau. Und gleich als Zweites: einen älteren Herren mit roter Armbinde. Aber diesmal waren wir entschlossen und bauten kampfbereit die Zelte in einer Aprikosenplantage direkt unter der Mauer auf. Hier war weit und breit sonst niemand, und nach einem kurzen Regenguss strahlte die Abendsonne nochmal nur für uns vier über die Berge bis zu weit entfernten Gipfeln und über die Ebene weit unten. Als wir dann so im Abendsonnenschein auf der wilden Mauer standen, waren wir für alle Mühen entschädigt. Der Kampf hatte sich gelohnt!

Wir fuhren noch zwei weitere Tage zusammen durch Weinhügel und Kohlenbergbaugebiete bis Zhangjiakou. Wieder mit den anderen beiden zu reisen war sehr lustig und eine wunderbare Inspiration. Da sind doch viele kleine Unterschiede, wenn es um die täglichen Rituale, den Umgang miteinander oder das Radeln selbst geht, und es ist schön, das vor Augen geführt zu bekommen.

Vietnam, Vietnam

Kaum hatten wir die Grenze überquert, wurde die laotische Hitze von einer feuchten Schwüle abgelöst. Mit einem Mal waren wir im dichtesten Dschungel, Nebelschwaden hingen um uns herum und wir schlängelten uns einen menschenleeren Pass hinunter. So also fühlt sich Vietnam an. Die Sonne würden wir hier nicht oft zu Gesicht bekommen. In Vietnam ist es (zumindest zu dieser Jahreszeit und in diesem Teil des Landes) eigentlich immer bewölkt. Der Himmel ist grau und der Rest des Landes grün, grün, grün. Nach den ersten Kilometern durch den wilden Urwald erreichten wir doch die Zivilisation, die in Vietnam durchaus stressiger ist als im behäbigen Laos. Die Straßen werden von hupenden Rollerfahrern dominiert und es gilt unserer Beobachtung nach die Regel, dass jeder, der laufen gelernt hat, auch einen Roller fahren darf. Uns überholten jedenfalls regelmäßig kleine Jungs, die ernsthaft nach Kindergartenalter aussahen. Fast alle Straßenteilnehmer*innen winkten und grüßten uns freudig und wenn Vietnames*innen richtig gut drauf sind, kann so ein Gruß einen schon mal schier vom Rad fallen lassen vor Schreck, so laut wird hier gegrüßt.

Wir bewegten uns erst einmal Richtung Küste weiter und wollten dann von der Küstenstadt Vinh möglichst lange am Meer entlang bis nach Hanoi radeln. Im ersten größeren Städtchen wurden wir zunächst mit einer neuen Dimension an Begriffsstutzigkeit konfrontiert. Beim Bestellen blieb selbst die stumpfeste Art und Weise, ein Getränk zu bestellen erfolglos: Auf ein Angebot der Speisekarte zeigen und dann mit den Fingern die Anzahl der Getränke angeben. Keine Chance, statt dem gewünschten Früchtetee bekamen wir irgendeine Matcha-Milchtee-Mischung und statt zwei Getränken auch nur eines. Das kann ja was werden hier, dachten wir uns. Wenn schon Getränke bestellen so schwierig ist, wie sollen wir denen erst vermitteln, dass wir keine Tiere essen? Zum Frühstück probierten wir vietnamesische Baguettes, die es hier als koloniales Überbleibsel überall am Straßenrand zu kaufen gibt. Naja mit einem französischen Baguette kann man sie nicht gerade vergleichen… Dafür ist Vietnam ein richtiges Tofu-Land! Und zeigte sich uns nach den anfänglichen Hindernissen immer mehr von seiner schönen Seite.

Bei der Ausfahrt aus Vinh lernten wir beim Kauf von Klebreis-Bällchen den Studenten Thinh kennen, der gerade auf dem Weg zum Strand war und uns zu einem Picknick mit Freunden einlud. Wir sprangen natürlich erst einmal ins südchinesische Meer und saßen dann mit sechs vietnamesischen Student/innen am Strand und erfuhren unter anderem, dass Hunde essen nicht nur ein Vietnam-Klischee ist, sondern dass tatsächlich jede/r hier ab und zu mal Hund isst. Gegrillte Hunde bekamen wir wenig später auch am Straßenrand zu sehen. Thinh lud uns zum Übernachten gleich noch zu seiner Familie auf dem Dorf ein, wo wir zwei sehr schöne Tage verbrachten. Die Mahlzeiten nahmen wir zusammen mit Thinhs Eltern, seiner uralten Großmutter, seiner kleinen Schwester und dem großen Bruder ein. Extra für uns wurde vegetarisch aufgekocht und wir probierten von Pho (typisch vietnamesische Nudelsuppe) über Reis mit Tofu und Gemüse bis hin zu Klebreis mit Kokos und Erdnüssen alles Mögliche. Vor dem Essen wurde stets gebetet, denn wir waren in einer christlichen Familie gelandet. So viele Kirchen wie wir hier am Straßenrand schon gesehen hatten, wunderte es uns fast, dass laut Thinh nur 8% der Vietnamesen Christen sind. Buddhistische Tempel sahen wir nun leider viel seltener als in den anderen südostasiatischen Ländern.

Kaum waren wir von Thinhs Familie aufgebrochen – nicht ohne einen mehrere Kilo schweren Sack Reis, sowie Süßkartoffeln und Gurken aus dem Garten – folgte die nächste Einladung. Wir wollten am Meer eine kurze Pause einlegen und breiteten unsere Vorräte aus, schon kam eine russisch sprechende Vietnamesin auf uns zu und analysierte unseren Proviant. Ein paar Süßkartoffeln nahm sie kurzerhand mit in ihre Küche und brachte sie wenig später gekocht wieder, zusammen mit zwei Schüsseln Nudelsuppe, zwei Tassen Kaffee und einem Teller voller Reiscracker. Geld wollte sie natürlich keines nehmen. Am selben Nachmittag hielten wir noch einmal, um einen Kaffee zu trinken. Der vietnamesische Kaffee ist unvergleichlich lecker und hat ein ganz eigenes, fast schokoladiges Aroma. Serviert wird er immer mit einem Metall-Filterbecher, durch den langsam eine verschwindend geringe Menge tiefschwarzen Kaffees tröpfelt. Wir waren sofort süchtig. Den Kaffee haben die Franzosen erst ins Land gebracht und heute ist Vietnam nach Brasilien der zweitgrößte Kaffee-Produzent.

In einem Straßencafé winkten uns sofort zwei Männer zu sich an den Tisch, mit denen wir unsere Kekse teilten und die im Gegenzug weitere Snacks heranschaffen ließen und darauf bestanden, unseren Kaffee zu bezahlen. Alle Snacks inklusive des Kaffees wurden immer wieder mit den stolzen Worten „Vietnam, Vietnam“ kommentiert, was so viel heißen sollte wie „Seht her, all diese leckeren Produkte stammen aus unserem Land“. Noch viel mehr als die Produkte Vietnams feierten wir mittlerweile seine Bewohner*innen… Eric wurde wie schon so oft zum Pfeife rauchen eingeladen, denn jeder vietnamesische Haushalt verfügt über eine dieser riesigen Holz-, Bambus-, oder Metallpfeifen, die von Männern jeder Altersklasse geraucht werden.

Vom Meer verabschiedeten wir uns dann doch schneller als gedacht, um den vielbefahrenen Highway zu umgehen und stattdessen auf kleineren Straßen in die Hauptstadt zu gelangen. Mehr zufällig als geplant fuhren wir durch die landschaftlich sehr schöne Gegend von Trang An, wo eine ruhige Straße an einem Fluss entlang durch bewaldete Felsen, Reisfelder, Pagoden und Tempelanlagen führt. Eines Abends übernachteten wir in einem buddhistischen Kloster, das jedoch ganz anders als die uns bekannten thailändischen und laotischen Klöster aussah. Der Mann, dem neben Buddha eine eigene Gebetshalle gewidmet war, war nicht Ho Chi Minh, sondern natürlich Konfuzius, denn es handelte sich um ein chinesisches Kloster.

Flaggen mit Hammer und Sichel darauf waren wir ja bereits aus Laos gewöhnt, aber in Vietnam wird der Kommunismus noch sehr viel aufdringlicher als herrschende Staatsform präsentiert. Fast alle Straßen hängen voller Flaggen mit gelbem Stern auf rotem Grund (der vietnamesischen Nationalflagge) oder mit Hammer und Sichel Motiv. Ganz viele Kinder tragen rote T-Shirts mit gelbem Stern darauf. Riesige Plakate verherrlichen das Arbeiter- und Bauernleben. Und „Onkel Ho“ begegnet man natürlich auch nicht selten auf Abbildungen. Davon, dass viele Vietnames*innen, denen wir begegneten, noch den Krieg miterlebt hatten, war wenig zu spüren. Wir trafen in erster Linie humorvolle Menschen, die sich für keine Albernheit zu schade waren. So wurde Eric zum Beispiel von einem überholenden Rollerfahrer spontan auf den Hintern geklopft, als wir am Wegesrand standen und an mein Fahrrad hängte sich zu meinem Schreck einmal unter lautem Gelächter eine Frau hinten dran. Aber genau diese Art von Verrücktheit ist es, die die Vietnames*innen so besonders und liebenswert macht.

Unser Weg führte meist an endlos erscheinenden Reisfeldern entlang und wir konnten von den Rädern aus beobachten, wie überall hart geschuftet wurde. Die Felder werden zum Teil noch mit der Hand gepflügt und die kleinen Reissprösslinge alle einzeln in den sumpfigen Boden gesteckt. In starkem Kontrast zu den ländlichen Gegenden, durch die wir auf dem Weg nach Hanoi kamen, stand schließlich die Hauptstadt selbst. Das Verkehrschaos ist so groß, dass es uns am ersten Tag in der Stadt wie ein Wunder erschien, dass hier nicht jede Sekunde ein Unfall passiert. Autos und Rollerfahrer hupen permanent um die Wette und bahnen sich, ohne irgendwelche Verkehrsregeln zu beachten, ihren Weg durch die Stadt. Nach ein paar Tagen hatten wir jedoch auch die nötige Mischung aus Wachsamkeit und Dreistigkeit verinnerlicht, die es braucht, um in Hanoi zu überleben.

Was dieses Volk durchgemacht hat, wurde uns im „Vietnamese Women’s Museum“ vor Augen geführt. Zahlreiche junge Frauen, manche eigentlich noch Kinder, kämpften im Vietnamkrieg und führten kämpfende Frauengruppen an. Auf einer Fotografie führt ein winzig erscheinendes 17-jähriges Mädchen einen Amerikaner ab, der doppelt so groß und breit wie es selbst ist. Unterirdische Tunnelgänge wurden monatelang wie Häuser bewohnt, in denen ein bizarr-normaler Alltag gelebt wurde, Familien ihre jeweils eigene Nische hatten, Kinder geboren wurden.

Unterschlupf fanden wir in Hanoi bei Cong und Tam, die mit ihren drei Kindern ein vierstöckiges Haus bewohnen, in dessen viertem Stock wir ein eigenes Zimmer bereitgestellt bekamen. Jeden Morgen bereitete Tam uns ein anderes vietnamesisches Frühstück zu und abends saßen wir mit der ganzen Familie und zwei französischen Radlerinnen, die ebenfalls zu Gast waren, am Tisch. Für die Großzügigkeit und Gastfreundschaft der beiden gibt es – wie schon so oft auf dieser Reise – keine Worte. Cong, der selbst ein begeisterter Radler ist, nahm uns eines Abends mit auf eine nächtliche Radtour durch Hanoi, die er regelmäßig mit Freunden fährt, und die in einer der vielen Kneipen („Bia hoi“) endete, wo sich abends Einheimische und Ausländer zum Bier trinken versammeln. In einer solchen trafen wir am letzten Abend auch Stefan und Lio wieder! Nach einem halben Jahr kamen unsere Routen, die seit Aserbaidschan durch ganz unterschiedliche Länder geführt hatten, nun in Hanoi wieder zusammen. Die Wiedersehensfreude war groß und der Abend natürlich viel zu kurz, um sich über alles auszutauschen…

Bevor es von Hanoi aus weiter Richtung China gehen sollte, unternahmen wir noch einen Ausflug auf die Insel Cat Ba, die nahe der berühmten Ha Long Bucht liegt. Hunderte Felsen, die von Dschungel überwuchert sind, ragen hier aus dem Meer und sorgen für eine spektakuläre Landschaft. Wir schlugen unser Zelt direkt am Strand von Cat Ba auf und erkundeten die menschenleere Insel mit dem Fahrrad. Wieder zurück in Hanoi, brachen wir schließlich auf zu den letzten Etappen durch den Norden Vietnams. Ein bisschen Wehmut kam da schon auf, denn Vietnam gehört definitiv zu den Ländern, die uns am meisten überrascht und gefallen haben.

 

Laotische Gemütlichkeit

Ein entspannteres Land ist kaum vorstellbar. Es scheint hier nicht viel zu tun zu geben, außer zu fischen und sich um die Reisfelder zu kümmern. In Laos geht es gemächlich zu. Verstörend sind – wie schon in Thailand – nur die auffällig vielen brandneuen riesigen Pick-ups, wahrscheinlich meistens auf Kredit angeschafft. Unsere erste Station war die Grenzstadt Thakhek am Mekong. Bei der Einfahrt war es bereits dunkel und neonleuchtende Schilder mit Hammer und Sichel machten deutlich, wer in Laos das Sagen hat. Viele Absurditäten und Annehmlichkeiten moderner Zivilisation sollten uns in diesem Land nicht begegnen.

Wir landeten auf dem landschaftlich sehr reizvollen „Thakhek loop“, der von vielen Touristen in ein paar Tagen mit Motorrollern abgefahren wird. Die Strecke führt durch steil aufragende Karstfelsen mit Höhlen, Badestellen und verschlafenen Dörfern. Gleich am ersten Tag trafen wir wie aus dem Nichts Apo und Mat wieder, mit denen wir einen Monat zuvor kurz zusammen durch Thailand geradelt waren. Was für ein Zufall!
Wir schlugen unser Zelt auf im „Green Climbers Home“, einem relaxten Dschungelcamp voller Felsenkletterer aus aller Welt. Die senkrechten Felswände ringsum und das sehr schmackhafte Essen verführen einige Gäste, monatelang zu bleiben. Wir zogen nach zwei Tagen, die dem Klettern, Schwimmen und Yogamachen gewidmet waren, weiter, um noch ein bisschen mehr von Laos zu sehen.

Die Kontaktaufnahme mit Einheimischen war eher schwierig, da es erstens kaum Einwohner gibt und zweitens kaum Englisch gesprochen wird. Die meisten scheinen aber ehrliche, bescheidene und sanfte Menschen zu sein. Der Rhythmus des Monsun und die Lehre des Erleuchteten bestimmen die Lebensumstände. Wir wurden freundlich von fast allen gegrüßt, an denen wir vorbeifuhren und nicht selten neugierig gemustert.

Wie immer versprachen Märkte Aufschluss über örtliche Spezialitäten im Wesen der Leute und Warenangebot. Gegessen wird anscheinend alles, was Beine hat: Käfer, Grashüpfer, Bienenlarven, Frösche, Kakerlaken, Ratten, Eichhörnchen und Fledermäuse. Uns wurde erzählt, dass gelegentlich auch Schlangenblut getrunken wird. Die Auswahl an vegetarischen Köstlichkeiten ist dagegen ziemlich eingeschränkt. Jede Mahlzeit basiert auf Klebreis, der stets in niedlichen Bambuskörbchen serviert wird.

Nach einem langen Stück flacher Strecke und einem harten Anstieg waren wir auf dem Plateau des riesigen Nam Theun Stausees. Das Ufer schlängelte sich in unzähligen Kurven um Inselchen, Halbinseln und Landzungen und immer wieder gaben Lücken im üppigen Wald kurz den Blick frei auf eine weitere Bucht. Im Vorbeifahren wirkte es mehr wie viele kleine einzelne Seen. Dicht gedrängt ragten abgestorbene Baumstämme gespenstisch aus dem Wasser. Im Hintergrund stiegen Rauchschwaden von Brandrodungen aus Feldern auf und rundeten die apokalyptische Szenerie ab. Die Gegend war kaum besiedelt. Dazwischen tauchte immer wieder ein kleines verschlafenes Dörfchen auf, in dem nichts passierte. Das Gefühl, von Laos nicht so viel mitzubekommen, könnte vielleicht daher rühren, dass es schlicht nicht so viel mitzubekommen gibt. Und es lag mit Sicherheit daran, dass wir insgesamt nur etwa eine Woche im Land verbracht haben.

Von Bangkok Richtung Laos

Bangkok! Nach sieben beziehungsweise acht Jahren feierten wir unser Wiedersehen mit der „Stadt der Engel“, wie die thailändische Hauptstadt auch genannt wird. Der Nachtbus spuckte uns morgens am Rande der Megastadt aus und die ausgezehrten Handy-Akkus spiegelten unseren körperlichen Zustand wider. Orientierungslos und übernächtigt steckten wir dennoch voller Erwartungen. Wie sehr würde die Metropole ihr Gesicht verändert haben? Und ihre Seele? Welche Erinnerungen würden uns an beliebigen Orten überraschen, die wir inzwischen vergessen hatten? Und was ist aus unseren beiden ehemaligen Unis geworden? Seit dem Beginn der Tour hatten wir immer wieder Bangkok im Hinterkopf. Hier waren wir beide für ein Auslandssemester, an verschiedenen Hochschulen, knapp zeitlich versetzt und bevor wir uns kennenlernten. Da gab es jede Menge Entdeckungsbedarf.

Für ein paar Tage kamen wir im „Bluefin“ Guest House im Stadtviertel Dusit unter, nachdem unser geplanter Warmshowers-Gastgeber leider aus familiären Gründen kurzfristig absagen musste. Dass es in den zentralen Bezirken Bangkoks so ruhige, fast dörflich wirkende Nachbarschaften gibt, überraschte uns beide. Direkt an der nahen Hauptstraße hingegen reihten sich Stände voller Früchte, exotischer Snacks und verschiedenster Speisen zu einer allzeit betriebsamen Fressmeile, die wir natürlich regelmäßig auf- und abwanderten, bis wir alle interessant erscheinenden Spezialitäten einmal ausprobiert hatten: Von gebratenen Klebreiswürfeln mit herzhaftem Dip über frittierte Taro- und Kürbisstücke bis hin zu Kokos-Klebreis-Pfannkuchen, gebackener Banane mit Kokosmilch und frittierten Sesambällchen…

Unsere Uni-Standorte waren hingegen alles andere als zentral und die stundenlangen Wege setzten sich zusammen aus staugeplagten Busstrecken, schweißtreibenden Fußwegen, Hochbahnfahrten und Etappen in engen Minibussen. Außer den legendären Tuk-Tuks haben wir praktisch alle Verkehrsmittel durchprobiert. Veronikas Hochschule, die große, prestigeträchtige Thammasat-Universität, ist wie eine kleine Stadt mit eigenen Buslinien, zahlreichen Mensen und in üppigem Grün verstreuten Instituten. Für die damals unvermeidlichen Studentenuniformen scheint sich kaum noch jemand zu interessieren und in der Hauptmensa ist inzwischen eine Filiale der hochpreisigen Eiscafé-Kette „Swensen’s“ eingezogen. Aber die Teiche und Wassergräben des Geländes sind immer noch von großen, trägen, sympathischen Waranen bevölkert. Letzteres gilt auch für meine einstige Lernstätte, das King Mongkut‘s Institute of Technology. Falls sich dort etwas verändert hat seit 2011, dann dass es heute noch verschlafener wirkt. In der Badminton-Halle zischten wie eh und je die Federbälle übers Netz, die Hochspannungs-Ingenieure bastelten in ihrer halboffenen Versuchsanstalt an gefährlich aussehenden Apparaten und die notorischen Moskitos der Keramikwerkstatt mussten sich mit einer gewohnt kleinen Gruppe eifriger Studierender begnügen. Auch das Treffen mit ein paar Ex-Kommilitonen bestärkte den beruhigenden Eindruck, das manches einfach beim Alten bleibt.

Die Kontraste sind in Bangkok nach wie vor frappierend. Gewisse Ecken der Metropole sind deutlich schicker geworden. Lässige Cafés und noble Boutiquen sind keine Seltenheiten mehr. Überfluss wird zur Schau gestellt, dass es schwer zu vereinbaren ist mit dem Rest des Landes. Kinokarten im VIP-Cineplex des „Central Embassy“ Einkaufszentrums kosten beispielsweise knapp 30 Euro. Ein kurzer Gang über die Khaosan Road bleibt am frühen Abend erstaunlicherweise recht ruhig. Die Partymeile im Herzen Bangkoks ist anscheinend nicht noch voller, lauter und bunter geworden. Vom Tempel auf dem „Golden Mount“ hat man den Rundumblick auf das Stadtzentrum und die Stadtsilhouette mit ihren zahlreichen gigantischen Wolkenkratzern und den glitzernden Lichtern am Horizont hat dann doch wieder ihren Reiz. Trotz der Fülle an Möglichkeiten, sehenswerten Orten und den für eine Großstadt ungewöhnlich freundlichen Menschen wäre in Bangkok zu leben keine Option. Zu viele Reize, Lärm, Licht, Gerüche, Hitze, ein gewisses Gefühl der Gefangenheit in einer Megastadt, aus der herauszukommen Stunden dauert, Stadtautobahnen wie Grenzmauern, eigentlich menschenfeindliche Lebensbedingungen. Den Thais hilft da wohl ihre angeborene buddhistische heitere Gelassenheit.

Viel Zeit blieb uns nach Bangkok nicht mehr, um bis zur laotischen Grenze zu gelangen. Am frühen Sonntagmorgen war die Fahrt aus der Metropole glücklicherweise weniger nervenaufreibend als gedacht und nach etwa 30 Kilometern boten sich bereits wieder kleine ruhige Nebenstraßen an, die kaum befahren, aber dennoch von Straßenständen gesäumt waren. Um die Versorgung muss man sich in Thailand wirklich keine Sorgen machen. Was uns nun am meisten zu schaffen machte, war die Hitze, die ab zirka 10 Uhr morgens kaum mehr zu ertragen war. Im März und April ist es in Thailand am heißesten und so passierten wir nicht selten Einheimische, die es sich am Straßenrand in Hängematten gemütlich gemacht hatten, uns belustigt musterten und sich vermutlich im Stillen dachten: Diese Wahnsinnigen. Wer in dieser Affenhitze noch freiwillig radelt, muss verrückt sein. Und gelegentlich konnte ich ihnen gedanklich nur zustimmen. Ohne Kokosnüsse, Eiskaffee und Fruchtshakes wäre das alles auch schwer machbar gewesen. Abends landeten wir zum Übernachten wieder bevorzugt in Klöstern, die in Thailand meist aus einem riesigen Gelände mit zahlreichen verschiedenen Tempeln und anderen Gebäuden bestehen. Ein thailändisches Kloster ist unserer Erfahrung nach außerdem immer dadurch erkennbar, dass dort gerade ein tätowierter Mönch in orangefarbener Robe kehrt. Beherrscht werden die Klöster ausnahmslos alle von durchgedrehten Hunden, die sich immer gern von unseren Schuhen und Socken ernährten.

Die buddhistischen Mönche wiederum sollten sich ja eigentlich vegetarisch ernähren, aber da sie auf Essenspenden aus der Nachbarschaft angewiesen sind, setzt sich ihr Speiseplan natürlich aus fleischhaltigen Gerichten zusammen, weil kaum ein/e Thai ohne Fleisch leben kann. Als Getränke werden oft Coladosen dazugegeben und so wunderte es uns nicht, als wir zu hören bekamen, dass anscheinend Diabetes unter Mönchen zum Problem geworden ist. Es war uns sowieso aufgefallen, dass wir mehr übergewichtigen Thais begegneten als noch vor sieben und acht Jahren.
Eines Mittags landeten wir zur Pause beim Engländer Robbie, der mit seiner thailändischen Freundin eine Art Raststätte betrieb. Von ihm erfuhren wir, dass seine beiden Kinder, die hellere Haut haben als ihre Schulkameraden, wie Prinz und Prinzessin behandelt werden, nur aufgrund des Schönheitsideals der weißen Haut. Seine Frau nehme, so wie eigentlich jede thailändische Frau, Tabletten, die ihre Haut weiß machen sollen und benutze zahlreiche kosmetische Produkte mit „whitening effect“. In Drogerien es auch wirklich schwierig, Produkte zu finden, die keinen Weißmacher enthalten. Dunkle Haut wird mit Armut assoziiert, denn die Feldarbeiter, die den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt sind und sich keine Weißmacher leisten können, haben nun einmal eine dunklere Haut. Ziemlich erschreckend, dass dieses absurde, ungesunde und diskriminierende Schönheitsideal immer noch so verbreitet ist.

Unsere imaginäre Liste der witzigsten Schlafplätze wurde eines Nachts erweitert durch die Einladung eines alten Mannes auf seinen Golfplatz. Wir quälten uns bereits bei Dämmerung einen Berg hinauf und hielten Ausschau nach einer Übernachtungsmöglichkeit und er stand plötzlich am Straßenrand und schien nur auf uns gewartet zu haben. „Ihr könnt hier schlafen! Habt ihr ein Zelt? Hier gibt’s auch ein Bad.“ Na perfekt! Und so stellten wir unser Zelt neben die verrostete Tonne, die mitten auf einer weitläufigen Wiese als klägliches Ziel für die Golfbälle auf seiner Anlage diente. Zum Abendessen servierte er uns noch Reis mit gesalzenen Eiern, dazu gab es fermentierte Milch und alle waren glücklich.

In Udon Thani, das wir nach einigen Radeltagen und einer längeren Zugetappe erreichten, tauchten wir dann ungeplanter Weise noch in eine ganz andere – für Thailand aber auch typische – Szene ein: Die der älteren europäischen Männer, die sich in Thailand ein neues Leben aufgebaut haben, meist inklusive thailändischer Frau und vielen geplatzten Illusionen. Unser Warmshowers-Gastgeber war vor zwölf Jahren aus Belgien hierhergekommen, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte und erzählte uns von dem nicht immer einfachen Neuanfang im fernen Sehnsuchtsland. In Udon Thani sind die Straßen voller solcher alter, männlicher „farangs“ (wie die Thais alle Westler nennen) und von Yves erfuhren wir, wie fast alle die gleiche Geschichte erlebt haben: Von jungen, meist geschiedenen, alleinerziehenden thailändischen Frauen wurden sie am Ende nur des Geldes wegen geheiratet oder als Partner auserkoren. Abends saßen wir mit lauter pensionierten Franzosen in einer Bar und fragten uns, wo wir da eigentlich wieder hineingeraten waren. Aber von den Schicksalen der Männer zu hören, warf dann doch noch einmal ein anderes Licht auf diese oft kritisierten und an den Pranger gestellten Europäer mit thailändischen Frauen.

Zurück im Land des Lächelns

Die Aufregung stieg, als wir in Mae Sot unser 30-tägiges Visum in die Pässe gestempelt bekamen und damit nach acht bzw. neun Jahren wieder thailändischen Boden betraten. Eric war 2010 und ich 2011 für ein Auslandssemester nach Bangkok gekommen. Was hatte sich getan in dieser langen Zeit? Würden wir das Thailand unserer Erinnerungen vorfinden? Eindeutige Anzeichen dafür, dass wir nun in Thailand waren, ließen nicht lange auf sich warten: Die erste 7-Eleven-Filiale tauchte auf, zahlreiche Shake-Verkäufer säumten die Straßenränder und der König blickte von riesigen Plakaten und Fotografien auf uns herab. Allerdings nicht mehr der altvertraute Bhumipol, sondern sein Sohn, der 2016 nach dem Tod des Vaters den Thron bestiegen hat. Die ersten Grüße erwiderten wir mit euphorischen „Sawadi kha“ und „Sawadi khrap“-Rufen.

Abends stürzten wir uns natürlich sofort auf den kleinen Nachtmarkt der Stadt und hätten am liebsten alles auf einmal wieder ausprobiert, was wir von der Zeit unserer Auslandssemester kannten. Wir starteten mit Green Curry und gebratenem Gemüse mit Cashews, zum Nachtisch gab es Kokoscreme mit Fruchtstücken und einen riesigen Schoko-Shake. In unserem schönen und geräumigen Bambus-Zimmer, das wir in einem Guesthouse mit kleinem Garten bezogen hatten, ließ es sich auch aushalten und so beschlossen wir, noch einen Tag zu bleiben. Am nächsten Abend fand zufälligerweise ein noch viel größerer Nachtmarkt in der Nähe des Guesthouses statt und so versorgten wir uns dort gleich mit Som Tam, dem für Thailand typischen Papaya-Salat, frischen Sommerrollen und dem besten Nachtisch der Welt: Klebreis mit Mango und Kokosmilch.
Nach diesen zwei Eingewöhnungstagen hatte uns das Thailand-Fieber sofort wieder gepackt. Alles ist so easy und entspannt in diesem Land!

Bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten hatten wir nun auch keine Polizei und Touristen-Beauftragten mehr zu fürchten und wir freuten uns darauf, im vertrauten Thailand radelnd unterwegs zu sein. Zunächst sollte es hoch in den Norden nach Chiang Mai gehen. Die erste Etappe hatte es gleich in sich: Bei mittlerweile wirklich unerträglicher Hitze ging es ständig bergauf und -ab, sodass wir mittags beschlossen, ein Stück per Anhalter zurückzulegen. Jedes zweite Auto, das an uns vorbeifuhr, war ein Pick-up, sodass die Fahrradmitnahme auch kein Problem sein sollte. Nach wenigen Minuten hielt tatsächlich ein Paar mittleren Alters an und verstaute uns mitsamt unserer ganzen Ausrüstung auf der Ladefläche eines riesigen Gefährts. Von der Kleinstadt Tak radelten wir weiter und trafen wenig später zwei andere Radlerinnen, die in die gleiche Richtung unterwegs waren: Mad und Apo aus Frankreich, die ein halbes Jahr durch Südostasien touren. Ich freute mich über die Frauenpower, denn die meisten Radler*innen, die wir treffen, sind als gemischtgeschlechtliche Paare unterwegs oder alleinreisende Männer. Die Nacht verbrachten wir zu viert in einem Kloster, das von verrückten Hunden regiert wurde, die ständig unsere Schuhe und Socken verschleppten.

Vegetarisches Essen zu finden wurde fernab größerer Städte etwas schwieriger, da die Thais einfach wahnsinnige Fleischliebhaber sind. Reis mit Gemüse geht zum Glück immer und knusprig in Teig frittierte Bananen waren auch leicht aufzutreiben. Gelegentlich mussten wir aber doch wehmütig an Myanmar zurückdenken, wo wir wirklich überall total abwechslungsreich, üppig und lecker vegetarisch essen konnten und das zu höchstens der Hälfte der Preise, die in Thailand üblich sind. Eines Nachmittags wurden wir dafür aber von einer Gruppe liebenswürdiger Dorfbewohner spontan mit kühlem Kokoswasser, kleinen Klebreis-Päckchen und gekühlten Säften versorgt. Ein anderes Mal schenkte uns ein vorbeifahrender Mann zwei Kokosnüsse, deren Inhalt zu einer Art Kokos-Wackelpudding verarbeitet worden war, den man aus der Schale löffeln konnte. Abkühlung verschafften auch die genialen Shake-Stände, die in regelmäßigen Abständen selbst in den kleinsten Orten auftauchten und unter anderem leckeren Eiskaffee im Angebot hatten. An einem Nachmittag kamen wir an einem kleinen See vorbei, in den wir in der Mittagshitze kurz hineinsprangen.

Unsere Schlafplätze variierten nun jeden Tag: Nach der ersten Nacht im buddhistischen Kloster landeten wir auf einer der unzähligen Mango-Plantagen, die hier wirklich überall zu finden sind und schlugen unser Zelt unter den blühenden Bäumen und einem wunderschönen Sternenhimmel auf. Am nächsten Abend waren wir auf einem kleinen Markt mit Dorfbewohnerinnen ins Gespräch gekommen und sie gaben uns den Tipp, auf dem nahegelegenen Sportplatz zu zelten. Dort gab es einwandfreie Duschen und Toiletten und wir hatten auf einem riesigen Gelände freie Zeltplatzwahl. Die letzte Nacht vor Chiang Mai kam dann mal wieder alles ganz anders als geplant. Wir fuhren bis nach Lamphun und hatten vor, dort ein Kloster oder ein günstiges Guesthouse zu finden. Ich sprach auf einer Straße, in der auf meiner Karte eine Unterkunft eingezeichnet war, einen Bewohner an, weil wir ihn nach dem Weg fragen wollten. Nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten lud uns der Mann spontan zum „Homestay“ ein, wie er es nannte. So durften wir in einem leerstehenden Haus übernachten, das ihm wohl gehörte und wurden von seiner Frau gleich mit kaltem Wasser, Erdbeeren und Keksen eingedeckt.

In Chiang Mai beschlossen wir, für mindestens eine Woche zu bleiben. Wir waren beide ziemlich pausenreif, außerdem wollten wir uns hier an die Herausforderung wagen, die über unsere weitere Reise entscheiden würde: Das China-Visum. Im ersten Moment konnte ich die Stadt, die ich von vor acht Jahren kannte, nicht mehr wiedererkennen. War damals auch schon jedes zweite Gebäude ein Guesthouse, Coffeeshop, Tattoo-Studio oder Elefantenhosen-Geschäft? Auf der Straße begegnete man mehr Ausländern als Thais. Natürlich war Chiang Mai auch damals schon ein beliebtes touristisches Ziel gewesen, aber in diesem Ausmaß? Auch die Chinesen haben die Stadt mittlerweile als Urlaubsort entdeckt… Naja vielleicht verstellt mir meine Nostalgie ein bisschen den Blick. Nach ein paar Tagen in der Stadt habe ich Chiang Mai dann auch wieder ins Herz geschlossen, trotz des Kommerzes, der auf den ersten Blick ins Auge sticht. Die Altstadt hat wunderschöne Tempel und dank des immer noch ausgeprägten alternativen Spirits kann man im Park kostenlos Yoga machen und bei der „vegetarian society“ gibt es für ein paar Baht die Auswahl an einem riesigen, abwechslungsreichen Buffet.

Nach Chiang Mai verschlägt es viele Radler*innen, man kann sich in der Stadt an einigen Orten Räder ausleihen und Einheimische sind auch nicht selten mit dem Fahrrad unterwegs. Eric hatte deshalb die Idee, spontan eine Critical Mass zu veranstalten und so radelten wir eines Abends zusammen mit etwa 30 Leuten, zur Hälfte Thais und zur Hälfte Ausländer, durch Chiang Mai. Mit dabei waren Michel und Olga, die seit 3 Jahren um die Welt radeln und die wir in Myanmar schon einmal getroffen hatten, sowie Sara und Andi aus der Schweiz, die ebenfalls bald zur großen Reise aufbrechen. Die beiden kannten einen fahrradbegeisterten Thai, der bereits einige Fahrten um Chiang Mai organisiert hatte, und schon war die spontane Critical Mass auf die Beine gestellt. Eine Woche nach der Beantragung konnten wir dann tatsächlich unser lang ersehntes China-Visum abholen und machten uns noch am selben Tag auf den Weg nach Bangkok…

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Für zehn Tage Nonne und Mönch

Wir hatten auf unserer Reise inzwischen viele getroffen, die an Vipassana-Kursen teilgenommen haben und größtenteils begeistert davon berichteten. Also wollten wir dringend selbst erfahren, was es mit der Meditation auf sich hat. Im Meditationszentrum des birmanischen Städtchens Ma-U-Bin war noch Platz und so meldeten wir uns für einen Kurs an. Vipassana bedeutet: Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Es geht also bei dieser Art der Meditation darum, tief in sich hineinzublicken, ohne jegliche Ablenkung und mit möglichst wenig Einfluss von außen. In der Folge heißt das unter anderem: Zehn Tage schweigen, zehn Tage elf Stunden täglich nur meditieren, zehn Tage morgens um 4 Uhr aufstehen, zehn Tage nicht in den Spiegel blicken.

Das alles geschieht aber nicht zum Selbstzweck. Die Lehre dahinter erstrebt ein selbstloses Handeln und die Überwindung des Leides. Die zwei Seiten von Leid – Verlangen und Aversion – wurzeln in der unkontrollierten Reaktion auf unangenehme oder angenehme Empfindungen. Vipassana soll diese Wurzeln behandeln mittels einer achtsamen und neutralen Betrachtung von Körperempfindungen. Durch das bewusste Erleben von Gefühlen wie Schmerz, Hitze oder subtilem Kribbeln und deren Vergehen kann man einen ausgeglichenen Geisteszustand trainieren. Das hilft auch im Alltag, gelassener mit unangenehmen Situationen umzugehen und selbst tief im Unterbewusstsein verankerte Komplexe zu lösen. Die ganze Theorie besteht leider aus zu vielen zusammenhängenden Aspekten, um sie jetzt in allen Einzelheiten erklären zu können. Aber das wäre sowieso nicht im Sinne des Vipassana, solange es nicht selbst erlebt wird. Wir lernten, dass an unseren Leiden größtenteils nicht die Umwelt Schuld ist, sondern unsere Erwartungen an die Welt, die oft schlicht nicht erfüllt werden. Wenn wir aufhören, uns an den eigenen Überzeugungen und Vorstellungen festzuklammern, wird es einfacher, die Welt zu akzeptieren und mit ihr glücklich zu sein.

Ein Vipassana-Kurs geht mit ein paar einfachen Regeln einher, unter anderem die „edle Stille“, die Gespräche, aber auch Gesten und sogar Augenkontakt während der gesamten Dauer verbietet. Die Teilnehmenden sollen sich ganz auf sich selbst konzentrieren können. Konsequenterweise haben wir am Eingang auch gleich unsere Handys und allerlei andere technische Geräte, aber zum Beispiel auch Bücher abgeben müssen. Dann begannen die ein- bis zweistündigen Meditationssitzungen, die den Tag durchstrukturierten. Uns wurde schnell klar, dass langes Stillsitzen sehr schmerzhaft sein kann und stellten überrascht fest, was für seltsame Erinnerungen noch in unserem Gedächtnis gespeichert waren.

„Be happy“ verkündeten mehrere Schilder, die auf dem Gelände aufgehängt waren, was in manchen Situationen nur schwer einzuhalten war. Gegen Ende des Tages, wenn die Beine und der Rücken nur noch schmerzten, wenn die Fähigkeit, sich auf den eigenen Körper zu konzentrieren, stark abgenommen hatte und wenn plötzlich Zweifel an dieser ganzen Meditationstechnik aufkamen, dann genügte ein Blick auf einen dieser Zettel, um an den Rande eines Nervenzusammenbruchs zu gelangen. Was natürlich genau nicht passieren sollte. Also tief einatmen, und denken: es wird vorübergehen, so wie alles vorübergehen wird. „Discipline is the lifestream of the centre“ mahnte ein weiteres Schild, das davor bewahrte, morgens den Gong einfach mal zu ignorieren oder bei der Meditation im Zimmer eine Wand zum Anlehnen zu benutzen bzw. sich gleich hinzulegen.

Die ersten drei Tage sollten wir zunächst nur unseren Atem beobachten und versuchen, unsere Aufmerksamkeit sofort wieder auf das Ein- und Ausatmen zu lenken, sobald wir merkten, dass wir abgeschweift waren. Gegen Ende des ersten Tages stellte ich fest, dass ich es in den elf Stunden, in denen ich nichts anderes versucht hatte, als meinen Atem zu beobachten, nicht geschafft hatte, eine vollständige Minute ununterbrochen nur dies zu tun. Nicht eine Minute in elf Stunden! Es ist unfassbar, wie unruhig der eigene Geist ist. Wie er immer nur zwischen Gedanken an die Vergangenheit und die Zukunft hin- und herpendelt. Wie er es nicht schafft, präsent zu sein und einfach die Gegenwart wahrzunehmen.

Am vierten Tag wurden wir in die eigentliche Technik eingeführt. Diese besteht aus dem systematischen Durchfühlen aller Körperteile nach Empfindungen. Von nun an hatten wir während mancher Sitzungen die Wahl, in der großen Meditationshalle zusammen mit der Gruppe oder in einer eigens zugewiesenen kleinen Zelle allein zu meditieren. Momente der Resignation und Verzweiflung wechselten sich ab mit Momenten der tiefen Zufriedenheit, Hoffnung und auch der Euphorie. In manchen Augenblicken, meist vormittags, hatte ich gelegentlich einen ganz wachen und klaren Geist, der wirklich nichts anderes tat, als immer und immer wieder durch den Körper zu wandern und auf Empfindungen aller Art zu achten, ohne diese zu bewerten. Aber ganz oft war der Strom an Gedanken nicht aufzuhalten, ganz oft war der Geist einfach träge und unachtsam, ganz oft waren die Schmerzen zu groß, um sie neutral zu beobachten und ganz oft wurde der Gong, der jede Sitzung beendete, herbeigesehnt.

Jeden Abend lauschten wir für eineinhalb Stunden gemeinsam den aufgezeichneten Erläuterungen von S.N. Goenka, der die Technik des Vipassana verbreitet und weltweit Meditationszentren ins Leben gerufen hat. Seine Worte waren oft Bestätigung für das, man tagsüber empfunden und erlitten hatte und zugleich Aufmunterung für den nächsten Tag. Die vielen anschaulichen Geschichten und Beispiele aus dem Leben, die Goenka anführte, machten deutlich, dass Vipassana mehr ist als nur eine Meditationstechnik. Dahinter steckt eine Lebensweise, die auf gegenseitigem Respekt aller Lebewesen, Mitgefühl und der Verabschiedung des Egos beruht. Seine Worte brannten sich nach zehn Tagen tief in unser Gedächtnis ein und manche Sätze waren wie kleine Offenbarungen, die einem plötzlich aus einem Problem helfen, das man jahrelang mit sich herumschleppte. Jede Meditationssitzung wurde außerdem mit folgenden unvergessenen Worte von ihm eingeleitet: „Work diligently. Understand the technique properly. Work patiently. Patiently and persistently.“

Nach Goenkas Überzeugung sollte die Lehre selbst kostenlos sein. Nach dem Kurs können alle Teilnehmenden aber für das Essen und die Unterkunft spenden. Wir spendeten jedoch nicht für unsere eigene Teilnahme, denn die wurde von unseren Vorgänger*innen bezahlt. Somit ermöglichen sich die Teilnehmenden solidarisch gegenseitig die Teilnahme und die Verbreitung der Lehre. Um die Verpflegung kümmerte sich ein Team aus engagierten Freiwilligen, die alle schon mal selbst einen Kurs durchgemacht hatten und genau wussten, was in uns vorging. Das Essen ist in Vipassana-Kursen grundsätzlich vegetarisch und war in unserem Fall unglaublich lecker. Frühstück gibt es morgens um 6 Uhr, Mittagessen um 11 Uhr und abends ist um 5 nur noch eine Teepause vorgesehen.

Nach zehn Tagen in dieser absoluten Extremsituation wurden wir dann wieder in die Welt entlassen und es fühlte sich alles viel intensiver an. Wir nahmen die Dinge ganz bewusst wahr. Als wir auf die Räder stiegen war es, als würden wir nach Jahren zum ersten Mal auf einem Fahrrad sitzen und nun zu einer neuen Reise aufbrechen. Als wir zu Mittag aßen, war jeder Löffel wie ein kleines Wunder, das ganz lange ausgekostet werden will. Sich in die Augen zu schauen und zu berühren war magisch. Und wir merkten, wie sich in unserer Denkweise Dinge verändert hatten. Wie alter Ballast abgefallen war und ganz viel Vergebung, Nachsicht und Gnade Oberhand gewonnen hatten. Wie neue Pläne und Vorstellungen vom richtigen Leben Raum gewonnen hatten und auf Umsetzung warteten. Wie wir einfach unbändige Lust auf die Welt da draußen hatten.

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Weiter durch Myanmar

Unser erstes größeres Ziel in Myanmar war Bagan, wo sich auf einem Gebiet von über 30 km² tausende von Pagoden, Tempeln und Klöstern befinden. Die meisten von ihnen stammen aus dem elften Jahrhundert, in dem Bagan noch eine Königsstadt war. Ein beeindruckendes Gelände, in dem man tagelang herumfahren und unterschiedlichste Arten von Pagoden entdecken kann. Nur tummeln sich dort mindestens so viele Touristen wie Pagoden und dementsprechend teuer und an Ausländer angepasst ist der Ort. Im Supermarkt gibt es plötzlich Bio-Joghurt zu kaufen und im fancy vegetarischen Restaurant bezahlen wir das Zehnfache unseres bisher üblichen Preises. Zum Sonnenuntergang kletterten wir eines Abends auf eine der begehbaren Pagoden und beobachteten (zusammen mit einigen anderen Touristen), wie die Sonne als leuchtend roter Ball hinter den unzähligen Spitzen anderer Pagoden verschwand – zwar sehr schön, aber wenn ein Dutzend mit Kameras bewaffneter Menschen auf einem Fleck kauert und jeder die schönste Bagan-Sonnenuntergangs-Stimmung einfangen will, kommt mir das Ganze eher absurd vor.

Von Bagan nahmen wir einen Bus nach Pyay, um von dort die letzten 350 Kilometer nach Ma-U-Bin in der Nähe von Yangon zu radeln. Dort sollte dann unser Vipassana-Meditationskurs stattfinden. Die Nächte verbrachten wir wie gewohnt im Kloster und sie hätten unterschiedlicher nicht sein können: Das erste Kloster war als solches kaum zu erkennen und eine halbe Baustelle, auf der ein paar Jungs Chinlone spielten. Dieses faszinierend anzusehende Spiel ist in Myanmar Volkssport und wir hatten es nun schon oft am Straßenrand beobachtet. Ein kleiner Rattan-Ball wird virtuos von Spieler zu Spieler durch die Luft gestupst und dabei ausschließlich mit den Füßen und dem Kopf berührt. Im Kloster gab es nur zwei Mönche – einen sehr jungen, fast noch ein Teenager, der jedoch aufgrund exzessiven Betelnuss-Konsums nur noch ein paar wenige, komplett schwarze Zähne hatte. Obwohl er kaum ein Wort Englisch konnte, setzte er sich zu uns und unterhielt sich mit uns auf einer Fantasie-Sprache, die er wohl für so etwas wie Englisch hielt. Der zweite Mönch schien das Mönch-Sein etwas ernster zu nehmen und meditierte den ganzen Abend über vor einer Buddha-Statue. Um 8 war dann aber auch Schicht im Schacht und alle Lichter gingen aus, sodass wir uns ebenfalls sehr früh in unsere Schlafsäcke verkrochen.

Tags darauf landeten wir in einem riesigen Party-Kloster. Hätten wir gewusst, dass die dort zu hörende ohrenbetäubende Live-Musik die ganze Nacht andauern würde, hätten wir sicherlich nicht angehalten… Wir wurden von einer Gruppe Männer empfangen, die uns das gesamte Gelände zeigte und alle Einzelheiten des Spektakels erklärte. Gefeiert wurde anlässlich des Todes eines wichtigen Mönchs, dessen Körper aufgebahrt in der Mitte eines riesigen Festzelts lag. Daneben spielten die Musiker eine für uns wirklich kaum auszuhaltende disharmonische Musik in einer Lautstärke, die jegliche Kommunikation unmöglich machte. Kaum hatten wir unsere Blicke vom toten Mönch abgewandt, wurden wir von einer Gruppe zum Selfie aufgefordert, in unmittelbarer Nähe der Leiche. Die nächste Station auf unserem Rundgang war eine Art großer Jahrmarkt. Es gab nicht nur alles Mögliche zu essen, sondern auch „Tattoos“ zum Aufkleben oder Schießbuden. Nachdem wir uns mit Essen eingedeckt hatten, wurden wir zu unserem Schlafplatz geführt – eine riesige hell erleuchtete Halle voller Moskitos, in der noch dutzende andere Menschen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Direkt nebenan spielte das Orchester in unermüdlichem Eifer. An Schlaf war diese Nacht nicht zu denken. Als ich gegen 5 Uhr morgens doch mal kurz eingeschlafen sein musste, wurde ich vom Geräusch eines Staubsaugers geweckt. Irgendwer hatte wohl die Idee, um diese Uhrzeit mal eben zwischen den herumliegenden Menschen staubzusaugen. Why not. So früh wie an diesem Morgen waren wir selten auf der Straße.

In der dritten Nacht hatten wir glücklicherweise wieder ein ruhigeres Kloster erwischt, in dem nur zwei lächelnde Mönche lebten. Umgeben von Fischteichen und Kanälen wirkte der kleine Komplex ein bisschen wie eine Märcheninsel. Wir bekamen erst einmal 5 Dosen Energy Drink serviert, die wir dankend ablehnten, ohne die wir aber am nächsten Morgen nicht das Kloster verlassen durften. Eine Frau aus dem Dorf brachte uns sogar noch Kissen und Decken und am nächsten Morgen wurden wir von einer anderen Frau mit Nudelsuppe versorgt. Diese hatte sich das Gesicht mit der landestypischen Thanaka-Paste eingeschmiert, die aus Baumrinde hergestellt wird. Viele Burmesen machen derart großzügig Gebrauch von der Paste, das das Ganze eher an Kriegsbemalung als an Make-up oder Sonnenschutz erinnert. Die Frau redete während des Frühstücks auf Burmesisch auf uns ein und öffnete irgendwann eine große Holztruhe, in der zwei gigantische Schlangen lagen. Mir blieb beim Anblick dieser ungeahnten Mitbewohner der letzte Rest Nudelsuppe im Hals stecken und ich war ganz froh, dass wir nicht gestern Abend schon davon erfahren hatten.

Wir erreichten rechtzeitig Ma-U-Bin, den Ort unseres 10-tägigen Meditationskurses, und begaben uns mit zwei Dutzend anderen Westlern und Einheimischen in die „Edle Stille“. Nach dem Kurs (es wird einen gesonderten Bericht geben) nahmen wir uns noch einen Tag, um die Stadt um das Meditationszentrum herum kennenzulernen. Gemütlich und geschäftig zugleich bereitete sie uns eine sehr entspannte Rückkehr in die Welt. Dann radelten wir nach Yangon. Die ehemalige Kapitale wollte mit ihren 5 Millionen Einwohnern, Einkaufszentren und prall gefüllten Fahrbahnen überhaupt nicht zu dem Bild des restlichen Landes passen. Dennoch: Auch hier zogen morgens die Mönche um Essen bettelnd durch die Nachbarschaften und zwischen sauber uniformierten Bürodamen tauchte ab und zu ein Thanaka-bemaltes Gesicht auf. Am Valentinstag schafften wir es tatsächlich, völlig ungeplant im Stadtpark eine Runde im Schwanen-Tretboot zu drehen.

Auf der weiteren Strecke bis zur thailändischen Grenze warteten wieder neue Herausforderungen auf uns. Zum Einen war es hier im Südosten des Landes deutlich heißer und ab elf Uhr war das Radeln ganz schön anstrengend. Zum Anderen wurde die Schlafplatzsuche schwieriger, weil wir in den Klöstern nicht mehr automatisch eine Zusage zum Übernachten erhielten. 100 Kilometer vor Hpa-an geschah jedoch etwas, womit wir in Myanmar gar nicht gerechnet hätten, weil es ja verboten ist: Wir wurden zu Einheimischen nach Hause eingeladen. Wir wollten eines Morgens nach dem Frühstück gerade losradeln, als uns ein höchst dubios aussehender Mann anquatschte. Er erzählte uns, dass er die Regierung hasse und im Dschungel als Guerilla-Kämpfer aktiv gewesen sei. Auf seinem T-Shirt prangte ein riesiger Panzer und die blauen Kontaktlinsen, die er trug, standen im krassen Kontrast zu seiner dunklen Hautfarbe und ließen sein ganzes Gesicht unnatürlich wirken. Aber er hatte ein Haus in Hpa-an und gab uns eine Telefonnummer, die wir anrufen sollten, wenn wir dort angekommen wären. Wir standen der ganzen Sache noch etwas misstrauisch gegenüber, aber in Hpa-an wurden wir tatsächlich von zwei jungen Männern in einer großen Villa empfangen und durften uns ein Zimmer unter vielen heraussuchen, in dem wir zwei kostenlose Nächte verbringen konnten. Wir wollten die beiden jungen Männer zum Dank wenigstens zum Abendessen einladen, aber keine Chance. Als ich den Geldbeutel gezückt hatte, war schon alles bezahlt. Hpa-an hat uns landschaftlich auch sehr gut gefallen. Die Kleinstadt liegt an einem Fluss und ist von zahlreichen hohen Felsen, Bergen und Höhlen umgeben. Wir nahmen uns den Mount Zwegabin vor, auf dem ganz oben ein Kloster steht, und wurden nach 3700 Stufen mit einer atemberaubenden Sicht belohnt.

Ausgerechnet in unserer letzten Nacht in Myanmar hat uns die Polizei dann doch noch erwischt. An diesem Tag war von Anfang an der Wurm drin. Die asphaltierte Straße, die aus Hpa-an herausführte, wurde allmählich zu einer steinigen Schotterpiste, überzogen von einer roten Sandschicht, die uns bald überall am Körper klebte. Als wir am späten Nachmittag in einem Kloster fragten, ob wir über Nacht bleiben dürfen, gab uns zwar der Mönch sofort sein OK, aber einige Dorfbewohner hatten uns gesehen und wollten erst mit der Polizei sprechen. Nachdem wir ewig gewartet hatten und die Sonne mittlerweile auch schon untergegangen war, erhielten wir endlich die Antwort: Wir dürften leider nicht bleiben, es sei zu gefährlich, wir sollten bitte in den nächsten Ort weiterfahren, dort gebe es ein Hotel. Also wieder auf die Räder und zum nächsten Ort.

Eric blieb plötzlich stehen und meinte, irgendetwas an seinem Fahrrad stimme nicht. Wir schauten beide auf das Rad und nach wenigen Sekunden wurde uns das Unglaubliche klar: Der Rahmen war gebrochen. Ein leises Knacken hatte das Unterrohr glatt vom Steuerrohr getrennt und nun schlingerte alles nur noch wild. Also schieben. Es waren zwar nur noch drei Kilometer, aber in der Dunkelheit auf einer schon ganz gut befahrenen Straße war das Ganze kein Spaß. Als wir endlich im Ort angekommen waren, suchten wir nach dem angekündigten Hotel, aber fanden nur ein Gebäude, das zwar nach einem Hotel aussah, von dem wir aber weitergeschickt wurden. Wir fragten also irgendwann eine Gruppe Männer nach einer Unterkunft. Nach längerem Diskutieren und Telefonieren wurden wir angewiesen, einem der Herren und seinem Moped zu der bereits passierten Herberge zu folgen. Auf halber Strecke hielt unser Anführer jedoch plötzlich an und meinte, wir sollten bitte einen Augenblick warten. Wir standen bestimmt wieder eine Viertelstunde am Straßenrand, als ein Polizeiwagen hinter uns anhielt. Man erklärte uns knapp, dass wir nun mitsamt den Rädern abtransportiert werden würden bis in einen 20 km entfernten Ort, in dem es ein für Touristen lizensiertes Hotel gebe. Also teilten wir uns etwas widerwillig die zugige Ladefläche des Transporters mit unseren Fahrrädern. Mir war mittlerweile alles egal, ich wollte nur noch irgendwo ankommen. Ich hustete die ganze Zeit vor mich hin, weil ich seit Tagen eine Erkältung mit mir herumschleppte, die einfach nicht weggehen wollte. Nach etwa einer Stunde Fahrt über unzählige Schlaglöcher waren wir schon fast angekommen, legten aber kurz vor dem Zielort Kawkareik noch einmal eine geheimnisvolle Pause ein und standen eine weitere halbe Stunde herum. Gegen 11 fielen wir im zauberhaften Honey Guesthouse endlich in unsere Betten.

Am nächsten Morgen waren wir zum Glück wieder ausgeruht und fähig, über den Irrsinn der letzten Nacht zu lachen. Unsere erste Mission lautete: jemanden finden, der uns Erics Rahmen zusammenschweißt. Das war leichter als gedacht. Im ersten Hinterhof, den wir betraten, fanden sich zwei Männer, die innerhalb von 10 Minuten mit der Ray-Ban-Sonnenbrille als Gesichtsschutz das Fahrrad repariert hatten und eine Bezahlung dafür vehement verweigerten. Zum Frühstück gab es im Anschluss leckere Kokosmilch-Nudeln und Bananen-Shake und wir waren bereit, die letzten heißen, hügeligen Kilometer bis zur thailändischen Grenze zurückzulegen.

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Peace, Palmen und Pagoden

Indien zu verlassen fühlte sich für uns an wie eine Befreiung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich die Kulturen auf beiden Seiten einer gedachten Linie unterscheiden können. Sauberkeit, keine Hupen mehr, lächelnde Gesichter, Erleichterung in unseren Herzen. Das war der erste Eindruck von Myanmar. Wir haben das Glück, als einige der ersten die Grenze von Indien überhaupt überqueren zu dürfen, nachdem sie vor wenigen Monaten erst wieder für Ausländer geöffnet wurde. Im Grenzort sahen wir plötzlich andere Reiseräder am Straßenrand und fanden umgehend die Inhaber*innen im anliegenden Restaurant. Und dann gleich vier auf einmal! Das britische Paar hatte sich mit dem deutschen Eric und noch einem Amerikaner wenige Tage zuvor zusammengetan. Wir erfuhren, dass im Gästehaus gleich sogar noch zwei Radler auf uns warten. Was für eine überraschende Zusammenkunft. Dass Olga und Michel schon seit ein paar Tagen in Myanmar waren und sich bereits auskannten, erleichterte uns ein paar übliche Standard-Aufgaben im neuen Land: SIM-Karte kaufen, Geld wechseln und Bankautomaten finden, erste winzige Sprachbrocken lernen…

Wir waren heiß darauf, das Land kennenzulernen. Die Reisemüdigkeit, die wir in Indien gegen Ende verspürt hatten, war mit einem Mal verflogen. Kurz fuhren wir zu siebt zusammen, dann verfolgten wir aber lieber unser eigenes Tempo. Buddhistische Klöster wurden zum Landesinneren hin immer häufiger und haben für uns den tollen Vorteil, dass Fremde dort kostenlos, sicher, simpel, sauber und in netter Mönchs-Gemeinschaft übernachten dürfen. Das probierten wir sofort aus und hatten Glück in der Klosterschule der Kleinstadt Khampat. Die Schüler*innen wiederholten laut im Chor bis 22 Uhr Gebete und morgens ging es schon vor Sonnenaufgang weiter. Zur Morgengymnastik waren dann hunderte Kinder im Klosterschulhof versammelt und bereiteten uns einen euphorischen Abschied. Die Strecke war weiterhin traumhaft. Glatt und eben führte die Asphaltstraße durch tropische Wäldchen, Bananenplantagen und saugemütliche Dörfer voller Bambushütten. Kaum Verkehr, regelmäßig Restaurants mit ungewohnten Speisen und Snacks.

Abschreckend im Ganzen frittierte Vögelchen werden da angeboten, aber eben auch köstlicher Salat aus fermentierten Teeblättern mit knusprig gerösteten Bohnen und natürlich Reis in allen erdenklichen Zubereitungsarten. Myanmar ist absolutes Reisland. Jede Mahlzeit basiert auf den weißen, manchmal hier aber auch schwarzen oder braunen Körnern. Ob gekocht oder zu Nudeln oder Kuchen verarbeitet, gepufft als Waffeln, Klebreis als Päckchen in Bananenblätter gewickelt oder praktisch für unterwegs in Bambusrohre gestopft usw… Täglich entdecken wir neue Reiswelten. Nur das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt überhaupt nicht. Mehrmals hatten wir ein üppiges Mittagessen mit vielen vegetarischen Beilagen für weniger als einen Euro. Beide zusammen. Mit ungefragt aufgetischtem Nachschlag. Tee und Trinkwasser sind in Restaurants grundsätzlich kostenlos. Wie geht das?!?

Wir wussten, dass in Myanmar bei Einheimischen zu übernachten illegal ist; die Regierung will, dass Touristen in lizensierten Hotels schlafen. Schon nach wenigen Tagen kamen wir deswegen fast in Schwierigkeiten. Wir hatten wieder einen Schlafplatz im sehr netten Kloster bekommen, als wir auf der Straße angesprochen und wenig später dem örtlichen „Touristenbeauftragen“ vorgestellt wurden. Kalewa ist eine kleine Stadt abseits der Touristenmagneten und hier kommen wahrscheinlich weniger als 10 Ausländer pro Woche durch. Uns wurde zu verstehen gegeben, dass auch im Kloster zu schlafen illegal sei und wir bitte in das Gästehaus gehen sollen. Nach langer Diskussion konnten wir uns lösen und gingen sofort ins Kloster zurück, wo kurze Zeit später auch der Polizist mit zwei weiteren Männern im Zimmer stand. Na mal sehen, dachten wir halb trotzig und halb bangend. Irgendwann wurde klar, dass hier wohl die Religion über der Staatsgewalt steht und wir in unserer Kammer bleiben dürfen. Aber wir waren alarmiert. Offensichtlich halten gewisse Einheimische die Augen offen, um sicherzustellen, das Ausländer am „richtigen“ Ort zum Schlafen landen. Das ist schon etwas gruselig und schade angesichts der sonst großartigen Gastfreundschaft der Burmesen.

Da wir schnell in die Nähe von Yangon kommen müssen, wollten wir mit einer Schiffsfahrt über den Chindwin-Fluss Zeit sparen. Natürlich reizte uns auch dieses Abenteuer und so bestiegen wir in Kalewa eine Fähre voller Einheimischer nach Monywa. Sie sollte gegen Abend ankommen, doch daraus wurde nichts. Im dichten Nebel der Morgenstunden, einer Atmosphäre, die nicht zu dieser Welt passen wollte, landeten wir auf der ersten Sandbank. Bis wir freikamen, floss einiges Wasser den Chindwin herab und im Laufe des Tages wiederholte sich das Spiel. Wir bekamen den Eindruck, dass die Crew das alles gerade zum ersten Mal ausprobierte. Als nichts half, sollten auch die männlichen Passagiere mit in den Fluss, zum Anschieben. Also stand ich Augenblicke später in Unterhose hüfttief in der braunen Suppe und stemmte mich mit zehn kleinen Burmesen gegen Stahlrumpf und Strömung. Tatsächlich kam der Kahn nach einigen Anläufen frei und es konnte weitergehen. Bis es dunkel wurde… „The boat sleep here“, erfuhren wir nach zwei Dritteln der Gesamtstrecke und machten es uns im Bauch des Flussungeheuers bequem. Am späten Vormittag kamen wir nach einer weiteren unfreiwilligen Pause endlich an und waren so froh, wieder die Beine bewegen zu können, dass wir sofort losradelten.

Zum Schlafen fanden wir einen wundervollen heiligen Ort voller Stupas – buddhistischer Andachtsstätten – und einer großen Gebetshalle für das Nachtlager. An diesem Tag hatten wir uns ausnahmsweise mal zwei Dosen kühles Bier besorgt und beim Abladen im Kloster sah ich „unseren“ Mönch die Dosen vom Boden aufheben, in der Annahme, er stellt sie irgendwo ab oder entfernt sie von der Gebetshalle, in deren Nähe vielleicht kein Alkohol erwünscht ist. Die Dosen waren dann jedenfalls spurlos verschwunden. Wir waren verwirrt. Im Laufe des Abends wurde der Mönch mehrmals auffällig, trat mir aus Versehen auf den Fuß, forderte uns etwas aufdringlich zu Spenden auf und kam schließlich sehr nahe, wobei wir seinen Atem zu spüren bekamen… Uns dämmerte widerwillig: Dieser fromme Robenträger hat uns das Bier weggesoffen! Unglaublich. Die Sprachbarriere verhinderte eine Aufklärung des Falles, aber eigentlich war alles klar und der Mönch legte sich dann auch bald mit Schluckauf in sein Bett und traute sich am nächsten Morgen nicht mehr so wirklich, uns in die Augen zu schauen. Bei einem Paulaner oder Franziskanermönch hätte ich ja nichts gesagt, aber hier hätten wir mit so einer Aktion wirklich nicht gerechnet. Normalerweise spenden wir den Klöstern, in denen wir übernachten, immer ein bisschen Geld, aber hier erschien uns die unfreiwillige Bierspende ausreichend.